Foto: Ben Brandt

Königskinder

Amnon und Tamar: 2. Sam 13

Amnons Lust auf Tamar ist mehr als sexuelles Begehren. Es ist die Lust an der Macht. Der erstgeborene Sohn hat Interesse an einer Frau, die in Davids Verfügungsbereich gehört. Dringt Amnon in diesen Bereich ein, so dringt er in Davids Machtbereich ein.

An Tamar wird ein Kampf um Vorherrschaft ausgetragen. Bei diesem Ringen um Macht sind es die Männer, die agieren. Sie haben die Mittel zu handeln und zu befehlen. Sie schaffen eine Situation, die Amnon seine Gewalttat ermöglicht: Jonadab gibt Amnon den Ratschlag, David ordert seine Tochter, Amnon schickt die Dienerschaft raus und Tamar in seinen Schlafraum rein, Amnon wirft seine Schwester aus seinen Räumen hinaus, Absalom gebietet ihr zu schweigen und David setzt seine Autorität, eine Heirat zu verlangen, nicht ein. Schließlich wird sie in ein Leben ohne Mann und Kinder verstoßen.

Das ist das größere Unglück in einer Gesellschaft, in der Frauen ohne Mann und (männliche) Nachkommen wertlos sind. Jetzt gibt es für sie kein Zurück mehr in das soziale Gefüge ihres Volkes.

Typisch für sexuelle Gewalt ist das Schweigegebot, das Absalom Tamar nach der Vergewaltigung gibt: "Nun denn, meine Schwester, schweig still! Er ist dein Bruder. Nimm dir diese Sache nicht so zu Herzen." Die Familiensolidarität gebietet Schweigen statt Aufklärung. Dadurch wird die Verletzung der Einzelnen dem Ansehen der Familiengemeinschaft untergeordnet und ist dem Machtkampf der Königssöhne zuzuordnen.

Das war und ist ein Problem für Opfer von sexueller Gewalt: Der Wunsch, die Familie oder andere soziale Strukturen zu erhalten, erschwert es sexuelle Gewalt zu thematisieren, zu verhindern und aufzuklären. Bis heute die Erfahrung: Ein Opfer, das... öffentlich über ihre oder seine Inzesterfahrung spricht, wird eher eine Ausgestoßene in der Verwandtschaft oder Familie als der Täter...

Am Ende der Geschichte verschwindet Tamar wortlos aus der Bibel.

Eine biblische Familie?

Lots Töchter - Täter oder Opfer?

Selbst wenn man den Bibeltext nicht mit den Augen eines Opfers liest, fragt man sich doch:

  • Was für eine Dynamik herrschte in dieser Familie?
  • Gibt es so lüsterne Frauen wirklich, die so etwas tun oder müssen diese Schwestern nicht selber eine sehr verknotete Geschichte haben?

Wer sich den Kontext anschaut, erfährt, dass die beiden Schwestern in Sodom aufgewachsen sind. Sie erlebten ihre Kindheit in einer Gesellschaft, in der sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung waren. Nur einige Verse zuvor ist das nachzulesen

Die bekannte Geschichte um die beiden geheimnisvollen Gäste macht deutlich, dass Lot bereit ist, das Gesetz zum Schutz der Sexualität zugunsten des Gesetzes der Gastfreundschaft zu brechen. Er sieht es als seine religiöse Pflicht an, seine Gäste unter allen Umständen vor einem Attentat zu bewahren und hält die Vergewaltigung eines Mädchens für weniger schlimm als den Bruch der Gastfreundschaft! Missbrauch gehörte zur Bioghraphie der Schwestern dazu. 

Kennzeichen einer Inzestfamilie

Und tatsächlich gibt es weitere Anzeichen für eine typische Inzeststruktur:

1. Abschottung: Die Bibel beschreibt, wie sich die Familie in einer feindlichen Umwelt immer mehr isoliert. Sie bleiben nach außen abgeschottet. Das gilt auch gegenüber dem Abraham-Clan. Ihre Abschottung wird dann schließlich in einer Höhle in den Bergen auf die Spitze getrieben.

2. Falsche Prioritäten: Augenschein und Image haben in dieser Familie Priorität. Sexuelles wir bagatellisiert und entwickelt im Dunkeln eine unglaubliche Macht.

3. Die zur Salzsäule erstarrte, wegschauende Mutter: Wo ist die Mutter, die für die Töchter eintritt? Sie ist ein Totalausfall! Sie war immer noch an Sodom gebunden, an das chaotische Leben der Stadt. Sie kann nicht loslassen und erstart zur Salzsäule. Hat sie eine eigene Geschichte der Dunkelheit?

4. Falsche Abhängigkeiten: Die Töchter glauben sich vom Vater ganz und gar abhängig. Neben ihm gibt es in der ganzen Welt keinen weiteren Mann! Sie fühlen sich in seiner Schuld und müssen nun die elterliche bzw. partnerschaftliche Verantwortung für die Zukunft der Familie übernehmen.

5. Die Verdrehung der Schuldfrage: Der Vater wird in der Erzählung als das vollkommen unschuldige Opfer dargestellt: Er wurde blau gemacht und verführt! Den Töchtern wird die ganze Schuld für eine abscheuliche Tat aufgebürdet Hier finden wir zwei typische Rechtfertigungsversuche von Tätern: 1. Mich trifft keine Schuld, denn die Tochter hat es selbst gewollt. 2. Mich trifft keine Schuld, denn ich wusste nicht, was ich tat.

Liebe-voll = Gewalt-voll?

Sprüche 13,24 / Sprüche 29,15

Ganz selbstverständlich ist der Hebräischen Bibel (unserem "Alten Testament") eine Erziehung "mit Zucht und Strenge" (Agnes Wuckelt). Maßstab der Erziehung ist die Orientierung an Brauch und Sitte - nicht das Kind! Die Folge ist manchmal (wie zum Beispiel in Sirach 30,1-13) eine durchaus "Schwarze Pädagogik" (Katharina Rutschky). Wo deren Aussagen heute zu verbindlichen, da in der Heiligen Schrift begründeten Erziehungsrichtlinien erklärt werden, wird schlicht und einfach der zeitgeschichtliche Kontext übersehen, in dem sie formuliert wurden und von dem her sie zu verstehen sind.

Methoden und Ziele von Erziehung werden in allen Zeiten unterschiedlich definiert. "Sie sind im Starken Maße historischem Wandel ausgesetzt und bedürfen daher immer wieder neuer Bemühungen" (Holger Delkurt). Gemeinde heute hat eine Pädagogik wie sie uns z.B. in Sprüche 13,24 begegnet, kritisch zu hinterfragen und die Aufforderung Jesu in Mk 10,13ff und das Gerichtswort aus Mt 18,6 ernst zu nehmen.

Aber auch das Alte Testament kennt nicht nur Empfehlungen zur Gewalt: "Kinder sind eine Gabe des Herrn" (Psalm 127,3). Sie sind Garanten der Bundestreue Gottes (1. Mose 15). Darum gehört es zur Einhaltung dieses Bundes, sich nicht nur Nachkommen von Gott schenken zu lassen, sondern diese Nachkommen auch mit dem Heilshandeln Gottes in der Geschichte des Volkes bekannt zu machen (vgl. 2. Mose 12,26: "Wenn euch eure Söhne fragen ...") und sie zum Einüben und Halten der Gebote anzuleiten. Und genau hier, das ist das Besondere, bilden Erwachsene und Kinder eine "Lerngemeinschaft". Hier geht es um eine Erziehung durch das Wort.

Festzuhalten ist: Eltern erhalten ihre Kinder als Geschenk und haben die Pflicht, diese aktiv zu erziehen und nicht "zügellos" aufwachsen zu lassen. Gelingendes Leben entsteht nicht automatisch, es muss durch Anregungen von außen gebahnt und begleitet werden. Dies bestätigt die heutige pädagogische Forschung und Wissenschaft: Kinder brauchen Liebe, Klarheit und Konsequenz. Konsequenz aber passt auch in eine gewaltfreie Erziehung. Denn jeder Schlag zerstört etwas in der Seele eines Kindes.

Eine gewaltfreie Erziehung ist im Alltag nicht immer so einfach. Daher empfehlen wir Elternkurse und Familientrainigs, die Eltern helfen und unterstützen, diese in die Realität umzusetzen.