Beginners Guide
In 8 Wochen zum Kinderparlament
Autorin: Stefanie Diekmann
An diesem Punkt angekommen, sind Fragen und Strukturen einer ersten Sichtung unterzogen worden. Wie wichtig nehmen wir Kinder, ihren Glauben an Jesus und ihre Mitgestaltungsfähigkeit in der Gemeinde?
Oft ist in Gemeinden noch der Gedanke fest verankert, dass Kinder hier erst betreut werden und etwas von Jesus hören, und dann als Jugendliche sollen sie Verantwortung übernehmen. Dazwischen ist aber eine riesige Lücke, wie aus betreuten Kindern mündige junge Erwachsene werden sollen.
Wenn für ein Junges Parlament in der Haltung der Erwachsenen bereits ein Bewusstsein für die Mündigkeit des Kindes geweckt worden ist, können die praktischen Schritte bis zum Start kompakt gestaltet werden.
Zwei wichtige Themen in diesem „Beginners-To-do“, sind Information und Begleitung:
In der abgebildeten Partizipationspyramide, die ich von der Gemeinwesenarbeit auf das Gemeindeleben übertragen habe, wird deutlich, dass es verschiedene Stufen der Partizipation gibt, die den Grad der Beteiligung bemessen. Während man bei den Stufen eins bis drei nur bedingt von einer Einflussnahme von jungen Menschen auf die Entscheidungsprozesse sprechen kann, bekommen Kinder und Jugendliche ab Stufe 4 wirklich die Chance, eine Gemeinde zu prägen. Darum beziehe ich mich bei meinen Beispielen nur auf diese Partizipationsstufen.
Transparente Infos
In Gemeinde und Kirche ist die Veränderung kraft von Informationen nicht zu unterschätzen. Ihre starke fördernde Kraft sollte daher auch beim Jungen Parlament mitgedacht werden. Haben Menschen aller Generationen das Gefühl, ein Thema und einen Prozess einordnen zu können, sind sie eher bereit zu unterstützen und auf Abwehrhaltung zu verzichten.
Bevor Junge Parlamente starten können, braucht es eine Phase des „Aufwärmens“, ähnlich wie beim Sport. Ein paar „Dehnübungen“, in denen die Themen „Beteiligung“, „Haltung gegenüber glaubenden Kindern und jungen Menschen“, „achtsamer und wertschätzender Umgang miteinander“ mehr und mehr in den gemeinsamen Themen-Fokus rücken.
Eine Einladung für ein erstes Treffen zum Träumen für interessierte Kinder zum Thema „Kinder und junge Menschen stärken“ eröffnet die Beschäftigung mit dem Thema.
Nach diesem Infotreffen beginnt die Kunst der transparenten Information. Ein kurzer Sachstand nach diesem Treffen mit 2-3 wichtigen Thesen wird von einer Person an die Leitung und andere Organe der Öffentlichkeitsarbeit weitergegeben. Dazu kann ein Messenger-Dienst, eine Gemeinde-Info, E-Mail oder Kirchen-Homepage etc. genutzt werden.
Es geht beim Gedanken der Information nicht um Menge und jedes Detail. Es geht darum, Menschen an den Gedanken zu gewöhnen: „Dieses Thema denken wir jetzt mit, hier denken wir weiter und dies wird Teil unserer Kirche werden.“
Auch wenn die Formulierung „Sachstand“ fremd klingt, bezeichnet sie doch ganz gut, wie Mitarbeitende im Bereich Junge Parlamente mit Leitungspersonen in Kontakt sein können. Leitende, oder Bereichsleiter*innen, Älteste, Hauptamtliche, Hausmeister*innen, Kassierer*innen benötigen Informationen, um Rückendeckung anzubieten. Vor dem Beginn der Jungen Parlamente ist daher eine erste „Informations-Welle“ für Leitende, Gesamtkirche und Eltern nötig (z.B. in Form eines Elternbriefs).
Begleitende Personen
Kinder brauchen im Jungen Parlament Partner*innen und Begleiter*innen. Sie brauchen Erwachsene oder Jugendliche, die ihre Ideen, ihre Bedürfnisse filtern und lenken können, ohne sie zu verändern.
Für die Verantwortlichen für Junge Parlamente ist die Auswahl der begleitenden Personen eine wichtige Vorarbeit. Diese begleitenden Personen werden wegen ihrer offenen Haltung Kindern und jungen Menschen gegenüber ausgewählt. Sie benötigen keine Leitungserfahrung und Fach-Expertise.
Neben den Grundlagen zum Thema „Sichere Gemeinde“ können Begleitende für Junge Parlamente in Kommunikation, Entwicklungspsychologie oder Theologie mit Kindern geschult werden. Ebenso bietet es sich an, Grundkenntnisse der gewaltfreien Kommunikation zu kennen, um Kindern und jungen Menschen einen sicheren und wertschätzenden Raum in Kirche zu ermöglichen.
Kinder können träumen, junge Menschen haben radikale mutige Ideen, wenn sie darin begleitet werden. Das Schweigen und betreut werden, nimmt ab, wenn wir jungen Menschen ermöglichen, in sicherem Rahmen auszudrücken, was ihre Ideen sind.
Da gerade Kindern der Überblick über Machbarkeit, Gefahren, Finanzen, etc. fehlt, können begleitende Personen ihnen durch gezielte Fragen helfen, von unrealistischen Ideen zu umsetzbaren Erfolgen zu kommen. Aus einem von Kindern gewünschten Wasserpark im Gemeindegarten mit Rutschen-Landschaft und Swimmingpool kann dann zum Beispiel eine Ecke mit Wasserspielplatz umgesetzt werden.
Erwachsene beziehungsweise junge Menschen als Begleitende sind dazu im Jungen Parlament eingesetzt, um durch gezielte Fragen, Moderation und Begleitung, den Kindern zu helfen, ihre Grundbedürfnisse und Grundideen herauszufinden und diese greifbar zu machen.
Das erste Treffen
Sind Informationen, erste Fragen und Bedenken geklärt, sowie begleitende Personen gefunden, wird im Rahmen eines von Kindern oder jungen Menschen genutzten Termins (Kindergottesdienst / Kirche Kunterbunt etc.) die erste Sitzung durchgeführt.
Dabei ist es unbedingt nötig, auf die Konzentrationszeit von Kindern und jungen Menschen zu achten. Eine Parlamentssitzung löst in erwachsenen Personen leicht die Idee von einer Dauer von 60-90 Minuten aus. Für die ersten Schritte im jungen Parlament kann es 5-10 Minuten beziehungsweise mit methodischem Feingefühl auch maximal 30 Minuten lange Sitzungen geben.
Aus der Haltung von John Dewey (1859-1952), der die pfadfinderische Projektmethode entwickelt hat, können Begleitende von jungen Parlamenten ableiten, dass jede Sitzung ein Erfolg ist. Kommt es in der Sitzung zu Tumulten und wenig konstruktiven Ideen, können sie durch ihre Moderation diesen Prozess als Teil des Weges einordnen. „Das war nichts!“, „Das wird mit unseren Kindern nichts!“ ist eine Bewertung aus erwachsener Sicht. Ist eine Sitzung voller mutiger Ideen und es will sich dennoch keins der Kinder weiter um die Umsetzung kümmern, ist auch dies ein Ergebnis, das durch begleitende Moderation zu einem wichtigen Bestandteil des Lernprozesses wird.
Allein diese Haltung: „Jedes Treffen ist wichtig und hat seinen Wert!“ ist für die begleitenden Personen eine wichtige Grundvoraussetzung. Daher reflektieren die Begleitenden nach jeder Sitzung, welchen Prozess sie aus dem Miteinander wahrnehmen können oder welches Learning sichtbar wird. Diese Feedback-Schleife dient ebenfalls dazu, einen Sachstand zu formulieren, der nun erneut an das Leitungs-Team oder andere verantwortliche Personen der Kirche weitergeleitet wird.
Beispiel für einen Infoabend für ein Team von begleitenden Personen:
- Bibelarbeit zu „Jesus und die Kinder“ (s.o. den Beitrag von Lea Herbert)
- Informationen zu gelingendem Aufwachsen von Kindern im gesellschaftlichen Kontext (zum Beispiel anhand der menschlichen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe: www.gedankenausmblog.de/konsistenztheorie-grundbeduerfnisse-nach-klaus-grawe/).
- Brainstorming-Runde: Wie können wir „begleitende Personen“ für das Kinderparlament sein (bei mehr als 3 Personen kleine Arbeitsteams bilden): Überzeugungen aus dem Erfahrungsschatz wahrnehmen und wichtige Punkte aus dem Konzept der gewaltfreien Kommunikation erörtern (https://www.gfk-info.de/was-ist-gewaltfreie-kommunikation/).
- Die Teams berichten über die Erkenntnisse in den Arbeitsgruppen.
- Gemeinsam werden die Überzeugungen in begleitende Haltungen umformuliert, zum Beispiel: „Kinder brauchen Disziplin“ wird zu „Ich schaffe klare Rahmenbedingungen und Regeln für alle“. Diese Haltungen zu neuen „begleitenden Gedanken“ werden zu lassen, braucht viel Training und man muss bewusst darauf achten: Wie können diese Sätze präsent gemacht und vertieft werden? Welche Idee hat das Team dazu? (Poster/Sticker erstellen, Erinnerung durch kleine Messenger-Botschaften etc.).
- Klären von Rahmenbedingungen für die Weiterarbeit: Wo und wann treffen wir uns?
- Raum für Fragen.
- Abschließende Verständigung: Wir wollen dem Entstehen des Kinderparlaments eine Chance geben. Die Kinder werden sich darin einüben und einen Prozess beginnen. Wir als Erwachsene sind dabei begleitende Personen und geben ihnen die Unterstützung, die sie brauchen.
Beispiel für einen Infoabend in der Gemeinde:
- Bibelarbeit zu einem Text, in dem Jesus einem Menschen begegnet.
- Informationen zu gelingendem Aufwachsen von Kindern im gesellschaftlichen Kontext (zum Beispiel anhand der menschlichen Grundbedürfnisse nach Klaus Grawe: www.gedankenausmblog.de/konsistenztheorie-grundbeduerfnisse-nach-klaus-grawe/).
- „Befürchtungen-Wolke“ erstellen: Auf eine große Papierwolke können die Teilnehmer:innen auf Post-Its ihre Befürchtungen schreiben (evtl. parallel digital über Padlet o.Ä.). Die gesammelten Befürchtungen werden moderiert und gesammelt vorgetragen. Welche Bedürfnisse von uns Erwachsenen können wir in diesem Befürchtungen erkennen? Wunsch nach Kontrolle? Wunsch nach Selbstwert?
- Herzenswunsch erstellen: Die Anwesenden werden gebeten, auf einen Zettel ein Herz zu zeichnen und dort ihren Wunsch für die nächste Generation zu formulieren: Welche Bedingungen in unserer Kirche wünschen wir uns? Was ist von hohem Wert? Welche Glaubensinhalte sind für das Reifen der Persönlichkeit wichtig?
Dabei geht es nicht um ein von Sorgen geprägtes Nach-vorne-blicken oder Bewerten der jungen Generation. Es geht darum, herauszufinden: Welchen Wunsch, welches Innere Anliegen kann ich für die junge Generation formulieren?
Nach einer Zeit der Bearbeitung werden die Herzenswünsche einander in Dreiergruppen vorgestellt. (ca. 7 -10 Minuten).
- Einladung zum Gebet in den Kleingruppen.
- Abschließende Information: Wir wollen dem Entstehen des Kinderparlaments eine Chance geben. Die Kinder werden sich darin einüben und einen Prozess beginnen. Wir als Erwachsene sind dabei begleitende Personen und geben ihnen die Unterstützung, die sie brauchen.
