"Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Andacht zur Jahreslosung 2016

"Etwas zur Jahreslosung zum Jahresanfang, das wäre doch gut." Das Team ist sich schnell einig. Nur, wer übernimmt die Aufgabe, etwas zu schreiben? Hier ist das Team nicht ganz so entscheidungsfreudig. Irgendwann steht die Frage im Raum, warum die Mutter mit drei Kindern nicht etwas zu Jesaja 66,13 schreibt. Das böte sich doch an. Ich überlege kurz und denke mir "so schwierig kann das doch nicht sein. Schließlich habe ich genügend Übungsfläche."

"Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Das Team-Meeting ist vorbei und ich gehe mit der Aufgabe, etwas Sinnvolles zu schreiben, in die Weihnachtsferien.

Tja, und da steh ich nun mit dieser wunderbaren Jahreslosung und mehr Fragen und unausgereiften Gedankenfetzen als Antworten. Warum habe ich nur gedacht, dass ich etwas Qualifiziertes dazu zu sagen hätte?!
Klar, Gelegenheiten, meine eigenen Kinder zu trösten, gibt es an manchen Tagen in Hülle und Fülle: Von Hinfallen, über Streitigkeiten mit der Schwester, bis hin zum verlorenen Kuschelhasen ist alles dabei. Manches schwerwiegender als anderes. Manches einfach zu lösen, anderes erfordert Geduld und Kreativität.
Aber was haben all die Trotzanfälle, Streitereien und Magen-Darm-Infekte, in denen ich als Mutter gefordert bin, tröstend zu reagieren, mit Gott zu tun?!


"Tröstet ein Vater eigentlich anders als eine Mutter?" frage ich meinen Mann über die Weihnachtstage irgendwann, und dabei sage ich ihm nicht, dass ich ihn schon seit etlichen Tagen heimlich im Umgang mit unseren Mädchen genauestens beobachtet habe.
Hat er genauso viel Geduld? Nimmt er genauso viel in den Arm? Hört er genauso ausdauernd zu? Oder – Gott bewahre – ist er gar geduldiger, liebevoller, aufmerksamer?
Wenn ich ehrlich sein soll, ist es manchmal ganz schön anstrengend, so eine tröstende Mutter zu sein, die für alles und jedes Verständnis und weise Worte parat haben soll. An manchen Tagen gelingt es mir definitiv besser als an anderen, ruhig, gelassen und angemessen auf die jeweilige Herausforderung zu reagieren. Nur leider gibt es auch die anderen Momente. Momente, in denen ich beispielsweise meine Dreijährige an unserem Gartenzaun im winterlich dunklen Garten schreiend und weinend stehen lasse, weil ich einfach nicht die Kraft in mir finde, sie, die Einkäufe und meine Arbeitstasche gleichzeitig zur Haustür zu tragen. Nachdem das Weinen abrupt verstummt, muss ich feststellen, dass in der kurzen Zeit, in der ich zur Eingangstür gelaufen bin, fremde Spaziergänger offensichtlich größeres Mitleid hatten und sich besorgt über den Gartenzaun hinweg mit ihr unterhalten. Schließlich lässt doch niemand ein kleines Mädchen allein weinend im dunklen Garten stehen…
Zu meiner Erleichterung muss ich sagen, dass ich keine großartigen Unterschiede bei meiner weihnachtlichen Feldstudie feststellen konnte. Mein Mann verstand die Frage noch nicht einmal.


Aber irgendwas muss doch dran sein, an dem, wie einen eine Mutter tröstet, warum sonst dieses Bild für Gott hier in Jesaja?
Ich versuche, mir Rat im Internet zu suchen, schließlich bin ich ja nicht die Erste, die etwas zur Jahreslosung 2016 schreibt. Ganz im Gegenteil: Google präsentiert mir triumphierend ungefähr 265.000 Treffer (0,51 Sekunden)!
Wie mir scheint, haben alle und jeder eine Meinung zu Jesaja. Ist ja auch ein schöner Text. So einfach und so Mut machend…
Die christlichen Kalender-, Poster- und Tassenhersteller scheinen auch vor Freude über diesen wundervollen Vers in die Hände zu klatschen. Motive von kleinen Kindern eng angeschmiegt an ihre Mütter lassen sich besonders gut vermarkten.
Andachten zur Jahreslosung, die ich anfange zu lesen, scheinen sich auch alle einig zu sein: Immer wieder tritt eine souveräne Mutter auf, die ihrem vierjährigen Kind vom Boden aufhilft, es in ihre liebenden Arme schließt und tröstende Worte findet, bevor sie das blutende Knie mit einem Pflaster versorgt. Wie diese "Erste-Hilfe-Mutti", so ist Gott. Heile, heile Segen...


Irgendwie gefällt mir das alles aber ganz und gar nicht. Es fühlt sich so platt und kurz gegriffen an. Aber es wäre so wunderbar einfach, zu schreiben: Egal, was uns in diesem Jahr widerfahren wird; egal, wie schwierig die Aufgaben, wie groß die Herausforderungen, die sich uns in den Weg stellen, die göttliche Mutti wartet schon mit dem Pflaster und alles wird wieder gut.
Aber was ist das für ein Gottesbild? Und was für ein Bild von uns selbst?
Je mehr ich lese, je mehr ich über den Text nachdenke, desto mehr frage ich mich: Was ist Trost? Warum tröstet man überhaupt jemanden? Hat Trost nicht auch immer etwas mit Empathie, Schwachheit und Versagen zu tun? Und warum ausgerechnet wie eine Mutter? Eine tröstende Mutter als Bild für Jahwe?
Der Duden definiert Trost als "etwas, was jemanden in seinem Leid, seiner Niedergeschlagenheit aufrichtet". 
Den anderen mit seinem Schmerz, in seinem Zerbruch und seiner Schwachheit nicht nur wahrzunehmen, sondern mitten hineinzugreifen. Wieder aufzurichten, Mut zu machen, Hoffnung zu bringen. Neuanfänge zu ermöglichen.


Werden Kinder nicht ausreichend getröstet, kann das dazu führen, dass sie ihr ganzes Leben daran zu knabbern haben, sagt der Psychologe Ulrich Tiber Egle: „Es kommt zu ungünstigen Veränderungen im Gehirn, die das Stressempfinden lebenslang beeinflussen“. Fehlender Trost wirkt sich auch nachhaltig auf die Eltern-Kind-Bindung aus. Ist diese geschwächt, wird weniger Oxytocin ausgeschüttet. Dieses Hormon dient u. A. als Andockstelle für das stressbedingt ausgeschüttete Cortisol und „bindet“ es sozusagen. Ist im Körper weniger Oxytocin vorhanden, ist der Cortisolspiegel dadurch dauerhaft höher. Die Folge davon kann ein sehr überempfindliches Stressreaktionssystem sein, was häufig zu Alkoholmissbrauch, Depressionen, Angststörungen und psychosomatischen Erkrankungen führt.
Wahrer Trost nicht als das Pflaster auf dem Knie und die Worte "Weiter geht’s", sondern als etwas Menschenstärkendes, das uns und andere dazu befähigt, mit dem Leben und seinen Herausforderungen umzugehen.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Das Spannende an diesem Vers ist, dass er fast ganz am Ende von Jesajas Botschaft steht. Nach etlichen Jahrzehnten Exil, Zerbruch und Entwurzelung spricht der Prophet von Neuanfängen, messianischer Hoffnung und Bestrafung für Gottes Widersacher. Das Problem: Wie umgehen mit all dem Vorangegangenen, dem Kaputten, dem Fremden, den Enttäuschungen? Wem vertrauen und worauf? Einfach so tun, als wäre nichts gewesen, geht nicht. Neu sich auf den Weg nach Jerusalem zu machen, ein Wagnis. 

Der Trost, von dem hier gesprochen wird, gilt demzufolge nicht einem kleinen Kind, sondern dem Volk Israel, das Jahwe nun als "erwachsener Sohn" aus dem Schatten des Exils gegenübertritt.
Es ist das Bild einer Mutter, die ihrem verängstigten Sohn anbietet, ihn liebevoll in die Arme zu schließen, und die durch ihr Hineinwirken inmitten von Zerbruch und Chaos Mut macht, einer neuen und anderen Zukunft, einer neuen und anderen Identität entgegen zu blicken: Ich sehe dich. Ich sehe deinen Schmerz. Ich komme zu dir. Ich gehe mit dir. Ich halte dich.
Nicht das Pflaster oben drauf, sondern der Stecken und der Stab, die durch das Tal des Todesschatten Geleit anbieten.
Nicht "alles wird gut" und "Heile, heile Segen…", sondern "du bist nicht allein mit deinem Schmerz, ich bleibe bei dir."


Als Mutter, mit mehrjähriger Auslandserfahrung, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihren Kindern Interkulturalität und Mehrsprachigkeit lebt, weiß ich, was es bedeutet, wenn man nicht nur an einem Ort zu Hause ist. Ich weiß, wie es sich anfühlt, fremd zu sein und nicht ganz dazu zu gehören. Ich weiß auch, wie es sich anfühlt, wenn man denkt, das Leben des eigenen Kindes sei in Gefahr und man alles geben würde, um es zu schützen und am Leben zu erhalten.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet."

Tröstet denn nun eine Mutter anders als ein Vater?
Über fünfhundert Jahre nach Jesaja wird in Lukas 15 ein anderer, nicht minder verängstigter, erwachsener Sohn von den liebenden Armen eines Vaters wieder aufgerichtet. Auch er erfährt durch diese tröstende Geste Zuspruch, Hoffnung und eine neue Identität.
Dem Bild einer tröstenden Mutter wird nun, in der Geschichte vom verlorenen Sohn, das eines tröstenden Vaters gegenüber gestellt.
Je mehr ich über Jesaja, Lukas und meine eigenen Erfahrungen nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass lebensspendender Trost nichts, aber auch gar nichts mit unserem Geschlecht zu tun hat.
Es hat viel mehr mit unserer Bereitschaft zu tun, uns auf unser Gegenüber und dessen Lebensrealität einzulassen. In wie weit wir bereit sind, genau hinzuschauen, mitzufühlen, auszuhalten und durch unsere bloße Anwesenheit und Anteilnahme eine Perspektive der Hoffnung zu eröffnen, denn schließlich ist, wie die britische Theologin Sara Maitland sagt "Gott weder männlich, noch weiblich. Er ist beides und noch viel mehr darüber hinaus."
Wenn ich es mir also recht überlege, dann ist es sogar die viel radikalere Variante, dass Jesus sich in seiner Geschichte für einen Vater entscheidet, der dem verlorenen Sohn entgegen tritt. Kulturell gesehen wäre es sicherlich wesentlich weniger anstößig gewesen, wäre es die Mutter gewesen, die ihrem geliebten Sohn entgegen kommt.
Nein, was diese beiden Texte gemein haben, ist, dass sie mich wieder einmal daran erinnern, dass Gott uns mitten in unserem Chaos begegnet, uns berührt und uns eine neue Perspektive eröffnet. Er ist nicht die Erste-Hilfe-Mutti und auch nicht der Super-Papa, aber er ist der gute Hirte, der mit uns geht.

"Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet"

Als Jahreslosung für 2016 hat dieser Vers das Potential, uns daran zu erinnern, Trost als lebensbefähigende Geste sowohl zu empfangen, als auch weiterzugeben. Den göttlichen Zuspruch "genau gesehen zu werden", anzunehmen, und die Herausforderung, andere um uns herum ebenso wahrzunehmen und dementsprechend zu reagieren.

So möge 2016 ein Jahr für uns sein, in dem wir die Güte und die unendliche Liebe Gottes erfahren, in dem wir den himmlisch-mütterlich-väterlichen Trost empfangen, durch den sich neue Perspektiven eröffnen, und in dem wir zu denjenigen werden, die anderen Hoffnung geben und Neuanfänge ermöglichen. Amen.

 

Sam Mail,
Referentin für die Arbeit mit Teenagern, Jugendlichen und Jungen Erwachsenen in der GJW Bundesgeschäftsstelle


Bild oben: CL. / photocase.com  http://www.photocase.com/

Ein Artikel von Sam Mail