Seelsorge mit Kindern
Von Volkmar Hamp | Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 16-21 | Lesezeit: 14:02 Min
Woran denken wir zuerst, wenn wir das Stichwort „Seelsorge“ hören? An trösten, begleiten, bekehren? Vermutlich haben die meisten Mitarbeitenden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ein bestimmtes „Vorverständnis“ davon im Kopf, was sie unter „Seelsorge“ verstehen.
Dazu eine kleine Übung: Stellt euch einmal vor, ihr müsstet für ein Taschenlexikon in einigen wenigen Sätzen den Begriff „Seelsorge“ definieren. Wie sähe diese Definition aus? Was sind die wichtigsten Kernbegriffe in eurer persönlichen Definition von Seelsorge?
Der dtv-Brockhaus definiert den Begriff „Seelsorge“ so:
„Seelsorge, Pastoral, früher Cura, in den christlichen Kirchen die Unterstützung und Begleitung des einzelnen in Fragen des Glaubens und der Lebensführung durch von der Kirche Beauftragte (Geistliche, Ordensleute, entsprechend ausgebildete Laien, z. B. Diakone, Diakonissen, Gemeinde- und Pastoralreferenten).
Sie versteht sich als umfassende Zuwendung zum Menschen, die dabei die prinzipielle Selbstständigkeit des individuellen Gewissens vor Gott anerkennt. Formen der Seelsorge sind Gottesdienst, Predigt, Katechese, Spendung der Sakramente sowie Beratung und Hilfe im psychosozialen Bereich im Sinne von Diakonie und Caritas ...“
Nach dieser Definition geht es bei Seelsorge auf jeden Fall um mehr als (nur) um Bekehrung, nämlich um Unterstützung und Begleitung in Fragen des Glaubens und des Lebens, um eine umfassende (ganzheitliche) Zuwendung zum Menschen. Auch wenn diese Zuwendung vorwiegend dem einzelnen gilt, dürfen Aspekte der Gruppenseelsorge und der strukturellen Seelsorge dabei nicht vernachlässigt werden (dazu weiter unten mehr).
Das zeigen schon die vielfältigen Formen der Seelsorge, die sich (vor allem im Umgang mit Kindern) nicht auf das Seelsorgegespräch beschränken lassen: Gottesdienst, Predigt, Bibel- und Gemeindeunterricht, Jungschar, Sonntagsschule, Kinderfreizeiten, Teenkreis, Jugendstunde und vieles andere mehr sind genauso Formen der Seelsorge wie das seelsorgerliche oder beratende Gespräch.
Darum ist Seelsorge auch nicht an ein bestimmtes „Seelsorgeamt“ gebunden. Sie geschieht nicht nur durch Pastoren und Pastorinnen, sondern auch durch Laien. Gut wenn diese Laien „entsprechend ausgebildet“ sind! Dieser Artikel kann und will eine solche Ausbildung nicht ersetzen, aber er kann und will dazu anregen, dass Mitarbeitende sich auch in diesem Bereich fort- und weiterbilden.
Was ist eigentlich die Seele?
Das deutsche Wort „Seele“ kommt von „See“. Es bedeutet so viel wie „zum See gehörig“. Die alten Germanen betrachteten manche Seen als Aufenthaltsorte der Seele vor bzw. nach dem Leben. Darum war die „Seele“ für sie etwas, das zum See gehört oder vom See her stammt. Das hat mit dem, was die Bibel „Seele“ nennt nicht viel zu tun! Uns ist die Trennung des Menschen in Leib (das Körperliche), Seele (das Psychische) und Geist (das Denken, der Verstand) recht geläufig. Doch biblisch ist diese Trennung nicht! Dazu ein grundlegender Text aus Genesis 2,7:
„Da machte Gott, der Herr, den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase. und so wurde (nicht: bekam!) der Mensch eine lebendige Seele.“
Nach dieser (und vielen anderen Bibelstellen) hat der Mensch nicht eine Seele, er ist Seele! „Das hebr. Wort näfäsch bedeutet ursprünglich Kehle und dann den Atem, den Lufthauch, der durch sie eingezogen oder ausgestoßen wird. Das griechische Wort psyche ist dem hebr. in seiner Grundbedeutung recht ähnlich: es meint zunächst einen (kühlenden) Hauch, den Lebenshauch (...). In beiden Testamenten kommt das Wort sehr häufig vor: AT 755 mal, NT 102 mal. Es ist einer der meistgebrauchten Begriffe zur Beschreibung des ganzen Menschen.“1
Wenn die Bibel von der „Seele“ des Menschen spricht, dann meint sie immer den ganzen Menschen: Leib, Seele und Geist! Demzufolge ist „Seelsorge“ immer Sorge um den ganzen Menschen (nicht nur um die Seele). Jede Abwertung des Körperlichen (oder Geistigen) um der Seele willen (oder umgekehrt: des geistig-seelischen um des Körpers willen) ist unbiblisch. Die Sorge für die Seele und die Liebe zum Körper gehören zusammen. Die seelenlose Vergötzung des Körpers in manchen „säkularen“ Zusammenhängen ist genauso falsch wie die leibfeindliche Aufwertung der Seele in manchen „geistlichen“ Zusammenhängen.
Diese Zusammengehörigkeit von Leib und Seele, die wir in den Begriff der „Ganzheitlichkeit“ fassen, ist auch in anderen Bereichen wichtig, zum Beispiel in der Psychosomatischen Medizin. Biblische und moderne Anthropologie liegen hier näher beieinander, als wir manchmal denken.
Jesus als Seelsorger
Die Sorge hat im Neuen Testament keine gute Presse: „Sorget nicht!“ heißt es nicht nur in der Bergpredigt (Matthäus 6). Doch da ist die Sorge um das eigene Leben und Wohlergehen gemeint. Grundlage dieses Aufrufs zur Sorglosigkeit ist das Wissen darum, dass Gott sich um uns sorgt. „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch!“ (1. Petrus 5,7)
Seelsorge ist vor allem von einer Sorge bewegt: von der Sorge Gottes um uns. Diese Sorge Gottes um den Menschen leben wir, wenn wir mit- und aneinander „Seelsorge“ üben. Die Sorge Gottes um uns zeigt sich für uns Christen vor allem in Jesus, dem Christus. Vorbild, Mitte und Maß all unserer Seelsorge ist darum Jesus selbst. Wer lernen will, wie man seelsorgerlich lebt, der muss sich anschauen, wie Jesus mit Menschen umgegangen ist (und immer noch umgeht!). In seiner Schule machen wir unseren „Grundkurs Seelsorge“.
Dazu zwei Gedanken:
1. Jesus hat die Sorge umgepolt: Er lenkt unseren Blick von der Sorge um das Eigene auf die Sorge um den Anderen. Seelsorge ist das Sich-Sorgen um andere vor Gott.
2. Jesus hat Seelsorge gelebt – und zwar ganzheitlich, also dem biblischen Menschenbild entsprechend.
Auch dazu ein Bibeltext:
„Als aber Johannes im Gefängnis von den Werken Christi hörte, ließ er ihm durch seine Jünger sagen: Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gehet hin und berichtet dem Johannes, was ihr hört und seht: Blinde werden sehend und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote werden auferweckt und Armen wird die frohe Botschaft gebracht, und selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.“ (Matthäus 11,2-6)
Blinden öffnet er die Augen, Stummen öffnet er den Mund, Lahmen hilft er auf die Beine, Verkrümmten stärkt er den Rücken, Kleingemachte wertet er auf, Ausgegrenzten wendet er sich zu, Sündern vergibt er ihre Schuld – das ist Seelsorge!
Ein Text von Manfred Fischer macht deutlich, wie sich das, was mit Jesus an „Seelsorge“ begonnen hat, ausziehen lässt in unsere Gegenwart hinein2:
„Als sie aber die Geschichte Jesu hörten und wie es ihm ergangen war, da trieb sie die Frage um: Bist du, der da kommen sollte und mit dir das Gottesreich? Oder sollen wir eines anderen warten? Bist du es, Jesus, oder sollen wir das Warten bleiben lassen und uns abfinden mit dem, wie es eben ist?
Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Nehmt euch zu Herzen, was ihr hört und seht. Geht hin und sagt es den anderen weiter: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören. Die Botschaft der Gottesliebe wird weitergesagt. Menschen horchen auf und verändern ihren Sinn. Verstoßene Kinder finden jemand, der sie liebt, farbige Studenten bekommen Zimmer, deutsche und türkische Kinder dürfen zusammen spielen.
In den Familien werden abends Gespräche geführt. Ehepartner blicken sich wieder in die Augen. Der Leistungsdruck lässt nach, der Konsum sinkt, man kann atmen in den Innenstädten, und Trabantenstädte werden wohnlich. Auf dem Rasen dürfen Kinder spielen, Gettos gehören der Vergangenheit an. In Altersheimen lässt sich’s leben, Süchtige kommen los, Depressive legen die Schlaftabletten beiseite, Traurige lächeln, Verhärtete können weinen. Besserwisser hören zu, Gleichgültige falten die Hände. Abgeordnete vertreten die Interessen der Schwachen und der Gegner kommt zu Wort. Kapital fließt in die Entwicklungsländer, Gespräche über Frieden sind ernst gemeint und haben spürbare Folgen. Allen wird das Evangelium verkündigt: die Botschaft, dass Jesu Herrschaft die ganze Welt erneuert.“
Einzel-, Gruppen- und strukturelle Seelsorge
An dem Text von Manfred Fischer lässt sich etwas ganz Wichtiges deutlich machen! Wir verstehen unter Seelsorge meist die „klassische“ Einzelseelsorge, das seelsorgerliche Gespräch und Sich-Kümmern um einzelne Menschen. Das ist ein wichtiger (vielleicht der wichtigste) Bereich der Seelsorge. Auch Jesus hat immer den Einzelnen gesehen (vgl. Markus 5,31-32; 7,33). Seelsorge im umfassenden Sinn meint aber mehr. Und auch das hat Jesus gesehen. Seelsorge (gerade Gemeindeseelsorge) ist immer auch Gruppenseelsorge und strukturelle Seelsorge.
Gruppenseelsorge, weil wir – gerade in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen – immer wieder mit Gruppen zu tun haben und weil viele seelsorgerlich relevanten Probleme von Kindern mit dem zu tun haben, was in diesen Gruppen geschieht: zur Gruppe dazuzugehören, verstanden, anerkannt und ernst genommen zu werden, sich von der Gruppe angenommen zu fühlen – das ist vor allem für Kinder ab dem Grundschulalter entscheidend wichtig. Viele ihrer Sorgen haben mit der Angst vor dem Ausgestoßenwerden und dem Außenseitersein zu tun. Seelsorge mit Kindern ist darum selten Seelsorge mit (nur) einem Kind, sondern oft (auch) Seelsorge mit einer Kindergruppe. Entscheidend ist, dass wir Verfahren entwickeln, Gruppengeschehen und Gruppenprozesse seelsorgerlich zu begleiten.
Doch auch über die Gruppengrenzen hinaus ist Seelsorge wichtig: als strukturelle oder kollektive Seelsorge. Wer Kinder seelsorgerlich begleitet, merkt sehr schnell, dass es nicht nur die kleinen privaten Sorgen sind, die Kinder heute belasten. Selbst Kinder im Vorschulalter nehmen schon sehr deutlich wahr, dass sie in einer gefährlichen und gefährdeten Welt leben. Auch diese Ängste gilt es ernst zu nehmen und seelsorgerlich zu begleiten – ohne rosarote Brille, aber auch ohne apokalyptische Schwarzmalerei.
Dazu ein Beispiel:
In einer Kleinstadt wird an einer gefährlichen, schlecht gesicherten Straßenkreuzung ein Kind aus dem Kindergottesdienst angefahren und stirbt. In einem solchen Fall brauchen natürlich die Familienmitglieder, besonders auch die Geschwisterkinder, seelsorgerliche Begleitung (Einzelseelsorge). Aber auch die anderen Kinder in der Kindergottesdienstgruppe (Gruppenseelsorge). Gemeinsam dafür zu sorgen, dass die gefährliche Kreuzung gesichert wird und dort endlich eine Ampel hinkommt, wäre ein Beispiel für strukturelle Seelsorge.
Seelsorge im Raum der Gemeinde
Was kann hilfreich sein für Menschen, die im Raum der Gemeinde seelsorgerlich tätig sind, gerade auch im Hinblick auf Seelsorge mit Kindern?
1. Seelsorger*innen brauchen Seelsorge. Nur wer für seine eigene „Seele“ (biblisch: sein eigenes Leben – Geist, Seele und Leib) sorgt, wer sich selbst ernst nimmt, kennt und „pflegt“, kann sich auch um andere sorgen! Dazu gehört natürlich auch der ganze Bereich des „geistlichen Lebens“ (Stille, Gebet, Gottesdienst, Gemeinde). Dazu gehört aber auch die Sorge um ganz andere leibliche, seelische und geistliche Bedürfnisse. Ganzheitliche Seelsorge wird nur leben und geben können, wer sich selbst ganzheitlich wahrnimmt und versteht!
2. Seelsorge ist keine Einbahnstraße – sie ist gegenseitig. Seelsorge geschieht nicht hierarchisch (von „oben“ nach „unten“), nicht vom hauptberuflichen „Seelsorger“ zu den ihm anvertrauten „Seelen“. Seelsorge geschieht in der Gemeinde als Raum des Vertrauens von Mensch zu Mensch. Der Mensch, dem ich heute Seelsorger*in bin, ist es morgen vielleicht für mich. Seelsorge ist gegenseitig.
3. Seelsorge geschieht aus Liebe. Seelsorge ist nicht Mission! Seelsorge will nicht bekehren. Seelsorge will zum Leben helfen! Ziel der Seelsorge ist in erster Linie Heil und Heilung, nicht Taufe und Gemeindezugehörigkeit (auch wenn beides sich daraus ergeben kann).
4. Seelsorge ist ganzheitlich. Seelsorge hat nie nur mit der „Seele“ oder mit sogenannten „geistlichen Problemen“ zu tun. Seelsorge ist immer ganzheitlich. Sie bezieht Leib, Seele und Geist mit ein, meint also den ganzen Menschen. Das hat Folgen für das, was in der Seelsorge geschieht, und dafür, wie es geschieht.
5. Seelsorge beginnt mit Sehen und Hören. Seelsorge beginnt damit, dass wir sensibel werden für das, was die Menschen (gerade auch die Kinder und Jugendlichen), mit denen wir zu tun haben, bewegt. Seelsorge beginnt damit, dass wir sie wahrnehmen und ernst nehmen – nicht nur als Objekte, mit denen etwas geschieht, sondern als Subjekte, die ihr eigenes Leben gestalten.
6. Seelsorge braucht Vertrauen. Wenn andere Menschen (und wieder gerade auch Kinder und Jugendliche) zu uns kommen und sich uns öffnen sollen, dann ist eine Voraussetzung dafür, dass sie uns vertrauen. Vertrauen haben sie aber nur, wenn eine tragfähige Beziehung da ist. Darum geht es in der gemeindlichen Arbeit mit Kindern. „Beziehung vor Erziehung“ ist auch in diesem Zusammenhang ein passendes Motto.
7. Seelsorge braucht Zeit. Gerade ganzheitliche Seelsorge braucht Zeit. Weil es hier nicht nur um ein paar Gespräche ab und zu, sondern um ganzheitliche Hilfe zum Leben, vielleicht auch in ganz praktischen Dingen geht. Gerade Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die Zeit haben für sie. Als Erwachsene haben wir diese Zeit oft nicht – wir müssen sie uns nehmen!
8. Seelsorge braucht Geduld. In der Seelsorge (gerade in der Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen) brauchen wir einen langen Atem (darum ist auch das eigene Atemholen hier so wichtig!). Wir müssen lernen, die Kinder und Jugendlichen ernst zu nehmen, auch wenn sie immer wieder mit denselben (für uns vielleicht „kleinen“ oder „simplen“) Problemen zu uns kommen. Und wir müssen viel Zeit und Geduld aufbringen, damit eine Atmosphäre des Vertrauens entstehen kann, in der sie sich wirklich öffnen und ihre wahren, tiefen Gefühle zeigen können.
9. Seelsorger*innen können zuhören. Schnelle Patentrezepte helfen meist nicht weiter. „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ (Antoine de Saint-Exupéry). Darum müssen Seelsorger*innen lernen zuzuhören. Sie müssen lernen, auch das zu „hören“, was Kinder und Jugendliche ohne Worte sagen –
mit den Bildern, die sie malen, mit den Träumen, die sie haben, oder mit den Geschichten, die sie erzählen.
10. Seelsorger*innen können schweigen. Was in der Erwachsenenseelsorge selbstverständlich ist, sollte in der Kinder- und Jugendseelsorge nicht weniger selbstverständlich sein. Über das, was in der Seelsorge geschieht, behalten wir Stillschweigen. Ausnahmen von diesen Fällen gibt es nur in besonderen Fällen (z. B. wenn fachkundige Hilfe hinzugezogen werden soll) und – wenn möglich – mit Einverständnis des Gegenübers! Erschüttertes Vertrauen kann nur schwer (oder nie) wieder aufgebaut werden.
11. Seelsorger*innen gestehen ihre Grenzen ein. Zu sagen: „Da weiß ich auch nicht weiter!“ oder: „Darauf habe ich selbst keine Antwort!“ ist besser, als Dinge zu sagen, hinter denen man nicht wirklich stehen kann. Kompetenten Rat und kompetente Hilfe einzuholen ist besser, als selbst „herumzudoktern“. Einfach nur da zu sein, ist oft viel wichtiger, als für alle Fragen und Probleme die „richtige“ Antwort oder Lösung parat zu haben.
12. Seelsorger*innen sind kreativ. Seelsorge ist nicht nur Gespräch. Die Methoden der Seelsorge sind vielfältig und müssen das, gerade wenn es um Kinder und Jugendliche geht, auch sein. Gespräche, kreative Verfahren, Kindern und Jugendlichen mit der Bibel Sprache verleihen (Psalmen), Briefe schreiben, Telefonieren, Dasein ... Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen heißt auch, gute Gewohnheiten einzuüben, zum Beispiel den regelmäßigen Besuch der Jungschar, des Kindergottesdienstes oder der Teeniegruppe.
13. Seelsorge (gerade Kinder- und Jugendseelsorge) geschieht auch in der Gruppe. Gerade für ältere Kinder (beginnend mit dem Grundschulalter) ist der Umgang mit Gleichaltrigen (der peer group) wichtig. Viele Probleme entstehen hier und können darum auch nur hier gelöst werden. Seelsorge mit Kindern und Jugendlichen ist darum immer auch Gruppenseelsorge. Was den einen oder die eine betrifft, hat unter Umständen mit allen zu tun und muss darum mit allen „bearbeitet“ werden. Und oft sind Kinder und Jugendliche selbst einander die besten Seelsorger.
14. Seelsorger*innen beten. Sie beten, weil sie die Hilfe Gottes brauchen und weil sich im Gebet eigene Haltungen und Einstellungen ändern. Kinderseelsorger*innen beten für und mit den ihnen anvertrauten Kindern
und Jugendlichen.
Spezielles zur Kinderseelsorge
Für die Kinderseelsorge (Seelsorge mit und an Kindern) gelten prinzipiell natürlich die gleichen Grundsätze und Regeln wie für die Erwachsenenseelsorge. Aber es gibt auch das eine oder andere „Spezielle“ zu sagen. Das erste wäre auch hier: Seelsorger*innen brauchen Seelsorge. Mit Blick auf den Bereich der Kinderseelsorge heißt das: Kinderseelsorger*innen brauchen einen Zugang zu ihrem eigenen „inneren Kind“.
1. Sich selbst, das eigene „innere Kind“ wahrnehmen
Aus (leidvoller) geschichtlicher Erfahrung wissen wir: Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen! Das gilt auch für unseren Umgang mit Kindern. Kinder seelsorgerlich begleiten kann darum nur, wer bereit ist, das Kind in sich – mit allem, was ihm an Gutem und Bösem widerfahren ist – wahrzunehmen.
Sigmund Freud (1856-1939), der berühmte, in vielen Dingen zu Recht, in manchen zu Unrecht kritisierte Psychoanalytiker, hat das einmal so ausgedrückt: „Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben einfühlen kann, und wir als Erwachsene verstehen die Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht mehr verstehen. Unsere Kindheitsamnesie ist ein Beweis dafür, wie sehr wir ihr entfremdet sind.“
Erinnert ihr euch noch an eure eigene Kindheit? Erinnert ihr euch an Fragen und Probleme, die euch bewegt haben, als ihr drei, sechs, neun oder zwölf Jahre alt wart? Erinnert ihr euch, was euch damals wichtig war, was euch gut, was euch weh getan hat?
In uns allen lebt das Kind, das wir einmal waren. Und immer meldet es sich zu Wort – meistens dann, wenn wir es gar nicht brauchen können. Unser Umgang mit Kindern ist sehr stark davon geprägt, wie mit uns umgegangen worden ist, als wir noch Kinder waren. Sich das klar zu machen, ist wichtig.3
2. Kinder wahrnehmen in ihrer Entwicklung
Wer Kinder seelsorgerlich begleiten will, sollte zumindest in Grundzügen über die Entwicklung von Kindern Bescheid wissen: über die körperliche, geistige, soziale und religiöse Entwicklung.
3. Kinder wahrnehmen in ihrer Situation
Um Kinder seelsorgerlich begleiten zu können, reichen allgemeine entwicklungspsychologische Kenntnisse freilich nicht aus. Zur seelsorgerlichen Begleitung von Kindern gehört die Wahrnehmung ihrer gegenwärtigen Situation.
4. Kinder begleiten in fremde Räume
Kinderseelsorge heißt zunächst, Kinder in fremde Räume zu begleiten. Sie darin heimisch und damit vertraut zu machen, Pole der Sicherheit zu bieten, von denen aus sie die Umwelt erfahren und erleben, sich zu eigen machen können. Dazu gehört, sensibel zu sein für Signale des Missbehagens und Unwohlseins (Störungen haben Vorrang!). Dazu gehört, Zeiten und Räume zu schaffen, in denen Kinder die Möglichkeit haben, sich zu öffnen. Dazu gehört auch, ihnen zu helfen, eine Sprache zu finden für das, was sie bewegt – gerade auch mit kreativen Ausdrucksformen wie Schreiben, Malen, Singen und Tanzen ...
5. Kindern taktvoll begegnen
Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber leider nicht immer, dass wir Kindern taktvoll begegnen, sie nicht beschämen. Kinder haben ein Recht darauf, dass wir ihnen so begegnen, wie wir wollen, dass man uns begegnet.
6. Gefährliche Idealbilder beseitigen
Seelsorge heißt auch, dass wir gefährliche Idealbilder beseitigen oder dafür sorgen, dass sie gar nicht erst entstehen! Idealbilder, denen die Kinder meinen entsprechen zu müssen. Viele Geschichten der Bibel helfen uns dabei, weil die Menschen, von denen sie erzählen, keine perfekten „Helden“ und „Heldinnen“ sind, sondern normale Menschen mit Stärken und Schwächen.
7. Gruppenseelsorge und kollektive Seelsorge nicht vernachlässigen
„Warum gibt es nur für die Erwachsenen Selbsthilfegruppen?“, fragt ein 10-jähriges Mädchen nach der Scheidung ihrer Eltern, als ihr Vater ihr eines Tages von seiner Selbsthilfegruppe für alleinerziehende und getrennt lebende Partner erzählt. „Wir Kinder hätten es doch mindestens genauso nötig.“
Nehmen wir die Chancen unserer Gruppen wahr! Kinder sind einander oft die besten Seelsorger. Es gilt, neben der Einzel- und Gruppenseelsorge nicht die strukturelle und kollektive Seelsorge aus den Augen zu verlieren. Jesus fragt manchen Kranken, was er will, dass er ihm tun soll. Das ist Seelsorge! So müssen wir die Kinder fragen, was ihnen gut tun würde, und dann versuchen, das mit ihnen gemeinsam anzugehen und zu verwirklichen.
Hilfreich dafür finde ich die „Zehn Gebote für den Umgang mit Kindern“, die Hartmut von Hentig (geb. 1925) vor vielen Jahren (1987) auf dem 22. Deutschen Evangelischen Kirchentag in einer Bibelarbeit vorgestellt hat.4
1. Du sollst Kinder achten wie dich selbst.
2. Du sollst einem Kind nicht vorenthalten, was dir wichtig ist: nützliche Arbeit, Verantwortung, Verfügung über ein Eigentum, über die Einteilung der Zeit, über die Wahl der Freunde.
3. Du sollst ein Kind nichts lehren, woran dir selber nichts liegt. Du sollst es nicht langweilen.
4. Du sollst nichts für ein Kind tun, ohne es zu fragen, auch wenn es weder deine Fürsorge noch deine Frage versteht – es ist gut, wenn du diese Gewohnheit hast.
5. Du sollst nicht wegsehen, es soll dir nicht gleichgültig sein, wenn ein Kind etwas Falsches tut, Unwahrheiten, Torheiten, Grausamkeiten begeht.
6. Du sollst eines Kindes Liebe und Vertrauen nicht zurückweisen – so wenig wie seine Trauer, seine Angst, seine Neugier, seine Phantasie.
7. Du sollst ein Kind nicht anders „machen“ wollen, als es ist – aber du sollst ihm helfen, anders zu werden, wenn es das will. Du sollst vor allem nicht machen, dass es will.
8. Du sollst, wie du den Zehnten für die Kirche gibst, in dieser Welt einen zweiten Zehnten für die Kinder geben, die fernen wie die nahen, die dies brauchen.
9. Du sollst an der Welt arbeiten, so dass du sie ohne Scham den Kindern übergeben kannst.
10. Du sollst nicht Kinder haben, wenn du dir nicht vorzustellen vermagst, dass sie ein würdiges Leben in ihrer Zeit führen können.
Zum Weiterlesen
Bernd Günther, „Für die Seele der Kinder sorgen“. In: Bernd Schlüter / Wolfgang Traub (Hg.), Du stellst meine Füße auf weiten Raum. Berichte – Modelle – Anregungen für den Kindergottesdienst. Gütersloh 1994, 110-117.
W. Hugh Missildine, In dir lebt das Kind, das du warst. Vorschläge zur Bewältigung des Alltags. Stuttgart 1976, 17. Aufl. 2007.
Richard Riess / Kirsten Fiedler (Hg.), Die verletzlichen Jahre. Handbuch zur Beratung und Seelsorge an Kindern und Jugendlichen. Gütersloh 1993.
Barbara Städtler-Mach, Seelsorge, Beratungs- und Therapieangebote für Kinder. In: Matthias Spenn / Doris Beneke / Frieder Harz / Friedrich Schweitzer (Hg.), Handbuch Arbeit mit Kindern – Evangelische Perspektiven. Eine Veröffentlichung des Comenius-Instituts. Gütersloh 2007, 277-285.
Anmerkungen
1 Fritz Grünzweig u.a. (Hg.), Brockhaus Biblisches Wörterbuch. Wuppertal 1982, 313.
2 Aus: Sigrid & Horst Klaus Berg (Hg.), Jesus. Anfragen und Bekenntnisse (Biblische Texte verfremdet 4), München / Stuttgart 1987, 49-50.
3 Vgl. W. Hugh Missildine, In dir lebt das Kind, das du warst. Vorschläge zur Bewältigung des Alltags. Stuttgart 1976, 17. Aufl. 2007; Jeremiah Abrams (Hg.), Die Befreiung des Inneren Kindes. Unsere ursprüngliche kreative Persönlichkeit. Bern / München / Wien 1993, Taschenbuchausgabe München 1996; Kathrin Asper, Von der Kindheit zum Kind in uns. Lebenshilfe aus dem Unbewussten. Olten 1988, Taschenbuchausgabe München 1995;
Arthur Samuels / Elisabeth Lukan, Im Einklang mit dem inneren Kind. Ein meditativer Weg zu sich selbst. Freiburg im Breisgau 1993, Taschenbuchausgabe Freiburg / Basel / Wien 1996; Stefanie Stahl, Das Kind in dir muss Heimat finden. Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme. München 14. Aufl. 2015.
4 Aus: Kinder, Kinder ... Aufwachsen in schwieriger Zeit [Das Baugerüst 4/1995].
Volkmar Hamp
Volkmar Hamp ist Referent für Redaktionelles im Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.