Gedichte
Gebrauchsanweisung für Gedichte
In dieser Ausgabe von HERRLICH findet ihr über das ganze Heft verteilt einige Gedichte von Gerrit Pithan
(https://gerrit-pithan.de/).
Gerrit ist Lehrer am Oberstufengymnasium in Wetzlar, wohnt in Marburg, war von 1996-2003 Jugendbildungsreferent des Gemeindejugendwerks Hessen-Siegerland und ist Mitglied der Künstlergemeinschaft „DAS RAD“ und im Verband deutscher Schriftsteller.
Gerrit schreibt Poesie.
Satirisch und kritisch.
Seine Gedichte sind krass gut – und lösen das Bedürfnis aus, darüber ins Gespräch zu kommen.
Also: Kommt ins Gespräch! Mit Freunden und Freundinnen oder in eurem Hauskreis. Teilt eure Gedanken dazu, vielleicht auch den Schmerz.
Was müsste geschehen, damit es nicht dazu kommt, dass jemand das letzte „Kirchenlicht“ ausmacht?
Segen euch bei diesen Gedanken zum Weiterdenken …
Volkmar Hamp
Gelungener Tag
Am Morgen sah man ihn am Strand,
wie er mit Kindern eine Sandburg baute.
Später soll er im Flüchtlingslager gewesen sein,
um dort Lebensgeschichten zuzuhören.
Unter einer Brücke habe er mit Jugendlichen
Musik gehört, getanzt und gechillt,
bevor er eine Beerdigung im Friedwald besuchte.
Als ich ihn ansprach, lud er mich zögernd
zu einem Grillfest auf dem Platz der Dauercamper ein.
Wir aßen und tranken, lachten und weinten,
redeten, hörten zu und schwiegen schließlich;
Fremde, die wir waren, endlich zu Hause.
Abends ging er in die Kirche
und hängte sich wieder ans Kreuz,
bevor die Pfarrer etwas merkten.
Scheidungstermin
Beide Parteien waren erschienen;
sie trennten sich gütlich – so sagt man doch.
Sie trägt weiter seinen Namen,
der Besitz wurde ihr zugesprochen,
sie hatte ihn schließlich in die Ehe eingebracht.
Die Braut Christi sprach mit der Presse;
es sei ein notwendiger Schritt gewesen,
man habe sich auseinander gelebt.
Liebe halte nun mal nicht zweitausend Jahre.
Durch die Menschenmenge konnte man kurz
Christus erkennen.
Er lächelte melancholisch
und ging seiner Wege.
Warnung für Pfarrer
Wir sind die Kaninchen des Glaubens,
Gottes gehorsame Herde, sein friedliches Volk.
Störe uns nicht in unseren heiligen Löchern!
Von den Löwen des Glaubens wollen wir nichts hören,
nichts von der Weite, die wir betreten könnten,
nichts von Freiheit und aufrechtem Gang.
In unsern Höhlen ist es warm und gemütlich,
von Gott gesättigt die stickige Luft,
Verunsicherung findet hier keinen Raum.
Wir kreuzen willig und fromm unsere Pfoten
mümmeln Gebete zu Gottes unendlicher Ehre,
hoppeln drei Schritte vor und wieder zurück.
Sein Reich verbreiten wir als gehorsame Diener,
erzählen der Wildnis von Gottes friedlichem Bau.
So werden sie alle zu Kaninchen des Glaubens.
Störe uns nicht, wenn wir Höhlen graben,
noch weiter vom bedrohlichen Himmel entfernt,
kein Zweifel kann uns hier mehr erreichen.
Wir Kaninchen haben nicht Reißzahn noch Klauen,
um uns der Angst zu erwehren, die du bei uns weckst,
doch sind wir viele, sehr viele, und du bist allein.
Sanft wird dich unsere Masse erdrücken,
dich und Gottes gefährliche Freiheit vertreiben.
Du hast die Wahl: Sei ein Kaninchen oder verschwinde!
Greise Küken
(in Gedenken an die Väter und Mütter in Christus, die wir nicht haben)
Wie greise Küken füllen sie das Nest,
Reihe für Reihe, dicht an dicht,
niemals erwachsen und selbständig geworden.
Den Geist der Freiheit haben sie abgetrieben,
den Keim des Lebens in sich selber erstickt;
Schwungfedern reißt man sich gegenseitig aus.
Kein einziges Mal sind sie geflogen,
der Himmel, der in die Weite lockt,
wurde nur argwöhnisch von unten beäugt.
„Das Nest ist das Ziel, nicht Startplatz zum Fliegen!“
Nie werden sie müde, dies jedem zu predigen,
damit alles so bleibt, wie es immer schon war.
Alt geworden hocken sie noch immer wie Nestlinge,
fordern Bedienung und wollen gefüttert werden,
statt anderen Nahrung zu geben und Hilfe zu sein.
Grau melierte Kuckucke, starrsinnig und blind,
sie lassen neues Leben nicht wachsen noch blühen,
lieber werfen sie es, als Störung gebrandmarkt, hinaus.
Unveränderbar hocken sie da, bis sie sterben.
Leichengift zerfrisst das Nest, das sie so lieben.
Bald wird es vergehen, es bleibt keine Spur.
Gerrit Pithan
Gerrit Pithan ist Lehrer am Oberstufengymnasium in Wetzlar, wohnt in Marburg, war von 1996-2003 Jugendbildungsreferent des Gemeindejugendwerks Hessen-Siegerland und ist Mitglied der Künstlergemeinschaft „DAS RAD“ und im Verband deutscher Schriftsteller.