„Fromm zu sein allein reicht nicht, man muss auch tolerant sein!“

Ein Interview

Von Doris und Günter Stumpf |  Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 44-47  |  Lesezeit: 5:06 Min

Die Baptistengemeinde im Berliner Stadtteil Wedding gibt es seit 1898. In ihrer wechselvollen Geschichte hat sie manche Krise überstanden, die vielleicht schwerste zu Beginn der 90er Jahre. Darüber habe ich (Volkmar Hamp) vor einigen Jahren (2021) mit Günter Stumpf (damals 83) und seiner Frau Doris Stumpf (damals 70) gesprochen. Sie haben das Schicksal der Baptistenkirche Wedding über Jahrzehnte mitgeprägt und waren maßgeblich daran beteiligt, dass die Gemeinde sich in den 90er Jahren mit einem zukunftsfähigen Profil neu erfunden hat. Grund genug, die beiden zu fragen, was damals eigentlich los war im Wedding und wie der Neuanfang gelungen ist.

Volkmar: Nach dem Krieg und dem Mauerbau ging die Mitgliederzahl der Weddinger Gemeinde bis zum Ende der 80er Jahre kontinuierlich zurück, von 450 auf 100 Mitglieder. Was war der Grund dafür?

Günter: Die Gemeinde hat milde vor sich hin geschlafen, optisch abgeschlossen durch das Vorderhaus und das geschlossene Tor im Durchgang zur Kapelle im Hinterhof. Viele junge Leute sind aus Berlin weggezogen. Und die, die nach Berlin kamen, kamen nicht zu uns.

Volkmar: Aber ihr habt doch immer wieder evangelisiert, manchmal zweimal im Jahr.

Günter: Wir haben evangelisieren lassen! Wir haben Redner eingeladen und gehofft, dass sie neue Leute anziehen. Das hat aber nicht funktioniert.

Volkmar: Zu Beginn der 90er Jahre kam es dann zu einer großen Krise. Aus welchen Gründen?

Günter: Der Gemeindeleiter und der Pastor sind uns abhandengekommen – aus privaten Gründen und wegen Konflikten in der Gemeindeleitung.

Doris: Hinzu kam, dass viele von den alten Geschwistern in dieser Zeit gestorben sind. Da waren dann manchmal nur noch zwölf Leute im Gottesdienst, und die haben rumgejammert: „Wir werden immer weniger! Der Letzte macht das Licht aus! 

Volkmar: Dann habt ihr einen missionarischen Arbeitskreis gegründet, der die Veränderungen vorangetrieben und das praktische Tun organisiert hat (der legendäre „Suppenkreis“, weil es bei den Treffen immer eine Suppe gab).

Günter: Das Wichtigste war damals das Öffnen der Tore im Vorderhaus! Dass die Leute von der Straße aus sehen konnten: Da hinten im Hinterhof ist eine Kirche und die hat offene Türen.

Doris: Dann haben wir Frühstücksgottesdienste eingeführt, einmal im Monat, reihum. Wir wollten einen Anreiz schaffen, zu uns reinzukommen. Wer kommen wollte, konnte kommen. Ob sie zur Predigt blieben, war ihre Entscheidung. Und etliche sind dann auch vor der Predigt wieder gegangen. Aber sie kamen.

Volkmar: Und dann habt ihr als Gemeinde eine Entscheidung getroffen!

Günter: Ja, das war ganz offen! Entweder wir fangen noch mal ganz neu an – oder wir machen den Laden dicht. Wir haben dann Leitlinien für den Wiederaufbau der Gemeinde verfasst und die Gemeindemitglieder gefragt, ob sie da mitmachen wollen oder nicht. Uns war bewusst, dass nicht alle diesem Weg folgen würden. Drei oder vier Familien sind dann auch gegangen, auch einige Ältere. Manche gleich am Anfang, andere als sie merkten, wie sich die Gemeinde veränderte. Das war schon ein Aderlass. Die haben das nicht mitgetragen. Aber wir haben es trotzdem geschafft.

Volkmar: In diesen Leitlinien hattet ihr ein ziemlich klares Konzept für einen Neustart im Wedding. Wie sah das aus?

Günter: Das hatte zwei Säulen. Die eine war die missionarisch-diakonische, offene Kinder- und Jugendarbeit. Dafür haben wir 1994 Hendrik Kissel als Streetworker und Jugendpastor angestellt. Die andere war, die seelsorgerliche Grundversorgung der Gemeinde sicherzustellen, vor allem mit Blick auf die älteren Geschwister. Das eine hat wirklich gut funktioniert, das andere war schwierig. Es gab dann auch so manche Aktionen, bei denen es gekracht hat. Es hat Reibereien gegeben, aber wir haben das alles überstanden.

Volkmar: Hendrik war ja nicht nur in der Gemeinde aktiv. Er hat das, was dort passierte, auch sichtbar gemacht. Jede Aktion in der Gemeinde war gleich in der Presse. Die Baptistenkirche Wedding war plötzlich im Bezirk, ja, in ganz Berlin bekannt. Ihr wart in vielen Zeitungen und im Radio und über die Zeitschrift DIE GEMEINDE auch im Bund präsent.

Doris: Ja, es gab Flohmärkte im Gemeindehof und über viele Jahre einen „Romantischen Weihnachtsmarkt“. Die Frühstücksgottesdienste wurden zum Standard.

Günter: Aber das Wichtigste waren die „Stadtschleicher“ und die „Heizung“: eine Art Jungschar für die arabisch- und türkischstämmigen Kinder aus dem Kiez und eine Jugenddisco mit Proberaum für Nachwuchsbands aus dem Wedding.

Doris: Und das Verrückte war: Einige von den Kindern und Jugendlichen aus dieser offenen Arbeit kamen dann auch in die Gottesdienste.

Volkmar: Das Besondere war aber auch, dass ihr diese Kinder und Jugendlichen von der Straße habt mitmachen lassen. Es gab Hip-Hop-Gottesdienste, die sie mit ihrer Musik gestaltet haben. Die waren bei Taufen dabei und anschließend zum „Kindertauchen“ im Taufbecken. Wie waren die Reaktionen darauf?

Doris: Oh, da haben wir viel Kritik aus anderen Gemeinden gehört! Doch fromm zu sein allein reicht eben nicht, man muss auch tolerant sein.

Volkmar: Nun war es aber nicht so, dass sich haufenweise Kinder und Jugendliche aus der Stadtschleicher- und Heizungs-Arbeit bekehrt haben und in die Gemeinde gekommen sind.

Günter: Nein, es sind nicht die gekommen, an die wir gedacht hatten, sondern andere. Wir haben die Kinder und Jugendlichen aber auch nie psychologisch beeinflusst oder bedrängt, sich taufen zu lassen. Doch sie waren da und haben zugeguckt, wenn wir getauft haben. Und viele von ihnen haben bei uns wichtige Impulse für ihre Entwicklung und ihr Leben bekommen. In die Gemeinde kamen dann diejenigen, die mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeiten wollten, junge Leute aus ganz Deutschland, die uns sagten: „Bei euch wollen wir mitmachen!“ Das war nicht das Gemeindewachstumskonzept, das wir uns vorgestellt hatten, aber so ist es gekommen.

Volkmar: Wie ging es weiter im Wedding? Wie blickt ihr heute auf diese Zeit zurück? Wann habt ihr gedacht: „Jetzt haben wir es geschafft!“?

Doris: Haben wir es geschafft?

Günter: Als junge Leute kamen, die Verantwortung übernommen haben! Das Wichtigste war, dass ich nach diesem siebenjährigen „Feuerwehreinsatz“ die Arbeit in jüngere Hände legen konnte.

Volkmar: 2006 habt ihr dann den sozial-diakonischen Verein WIR GESTALTEN mitgegründet. Der hat einen Teil der sozial-diakonischen Arbeit der Gemeinde weitergeführt: Nachhilfeangebote für Kinder aus der Nachbarschaft, Kiezpatenschaften und ein Kiez-Café zum Beispiel. Die Gemeinde ist weiter zweigleisig unterwegs gewesen: missionarisch-diakonisch (zum Beispiel mit Kino-Gottesdiensten und einem Winterspielplatz), aber auch seelsorgerlich und gemeindepädagogisch. Es gibt immer noch einen Begegnungsteil im Gottesdienst. Es gibt aber auch wieder Kindergottesdienste in mehreren Altersstufen, eine Jungschar- und eine Teeniegruppe, Gemeindeunterricht und manches andere mehr. Nachdem die Mitgliederzahl zwischenzeitlich bei weniger als 60 Mitgliedern lag, sind es jetzt wieder über 100 Menschen, von denen sich ein großer Teil in der sozialdiakonischen Arbeit der Gemeinde engagiert. Sie haben dort für sich und ihre Familien ein geistliches Zuhause gefunden. Selbst in der Corona-Zeit waren die (Zoom-)Gottesdienste gut besucht. Die Gemeinde stemmt ein umfangreiches Sanierungs- und Neubauprojekt. Wie guckt ihr heute darauf?

Günter: In den letzten eineinhalb Jahren nur über Kacheln auf dem Monitor! Bedenken hatte ich schon bei dem Bauprojekt. Ob die Gemeinde das übersteht, dass wir so lange ohne eigene Räume sind, ohne Mittelpunkt.

Doris: Die Werkstatt, in der wir zwischenzeitlich Unterschlupf gefunden haben, war da eine gute Zwischenlösung. Erstaunlich, was da – trotz allem – für ein Leben war! Wir sind zufrieden, dass das, was wir angestoßen haben, weitergeht. Das Bauprojekt kann ja auch noch mal neue Impulse geben! Daraus kann Neues entstehen. Der Verein wartet schon sehnsüchtig darauf, die neuen Räume mit Leben zu füllen, genau wie die Kinder und Jugendlichen aus der Gemeinde.

Volkmar: Eine letzte Frage, lieber Günter: Warst du eigentlich gerne Gemeindeleiter dieser Gemeinde?

Günter: So gerne war ich das gar nicht. Wie gesagt: Ich war mehr so eine Art „Feuerwehr“. Gemeinde ist für mich zuallererst eine Sache für Gläubige. Aber auch in der Welt hat die Gemeinde eine Aufgabe, und sei es nur diese: da zu sein als Kirchengemeinde, zu zeigen: Da gibt es noch etwas anderes als Geld scheffeln. Daraus ergab sich für mich die Notwendigkeit etwas zu tun, um diese Gemeinde im Wedding zu erhalten.

Doris: Wir wären nie weggegangen in eine andere Gemeinde! Der Wedding war unsere Heimat. Gemeindearbeit ist „Gottes-Dienst“. Wir mussten schauen, diese Gemeinde in der Mitte Berlins zu erhalten, um deutlich zu machen: Hier gibt es nicht nur Bürogebäude und große Firmen. Die Liebe zur Welt, zum Wedding, zu einem Brennpunkt, an dem es sonst keine Oase gibt, hat uns motiviert, einen Ort zu schaffen, an dem jeder willkommen ist und Schutz findet.

Günter: Damit haben wir auch immer geworben, wenn wir Hilfe gebraucht haben, zum Beispiel von der Heimatmission des Bundes oder von anderen Berliner Gemeinden. Dabei ging es um Ermutigung und Beratung, aber auch um Hilfen finanzieller Art.

Volkmar: Lieber Günter, es ist ein großes Privileg, als einer deiner Nachfolger und jemand, der erst seit 15 Jahren in dieser Gemeinde ist, aufbauen zu können auf dem, was ihr in den 90er Jahren geleistet habt. Danke dafür!

Dieses Interview erschien am 31.10.2021 in der Zeitschrift DIE GEMEINDE. Es findet sich auch in: Volkmar Hamp, Bis hierher und weiter. 125 Jahre Baptistenkirche Wedding. Berlin 2023, 780-783.

Doris und Günter Stumpf

Doris und Günter Stumpf sind seit vielen Jahrzehnten Teil der Baptistengemeinde im Berliner Stadtteil Wedding und haben maßgeblich dazu beigetragen, dass dort zu Beginn der 90er Jahre nicht das Licht ausging.