Leben, um gut sterben zu können.
Oder: über das Sterben nachdenken, um gut leben zu können
Von Nathalie Abel-Klaiber | Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 36-42 | Lesezeit: 9:06 Min
Es ist schon schwierig genug herauszufinden, wie man leben möchte. Sich damit abzufinden, dass wir sterben werden, ist meist noch schwieriger.
Wenn ich danach gefragt werde, was ich in meinem Job mache, ist eine häufige Reaktion: „Das könnte ich ja nicht.“ Was ich als Trauerrednerin tue: Mit Menschen sprechen, deren Partner, Elternteil, Geschwister oder Freund gerade verstorben ist, die eine Beerdigung planen müssen und noch völlig überrollt sind von den Geschehnissen der letzten Tage. Stärkende und wahre Reden schreiben, Rituale finden, die trösten.
Warum ist es eigentlich so schwierig, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen?
Trauer über unsere Endlichkeit
Im Hintergrund steht meist: Wir trauern darüber, dass unser Leben endlich ist. Wir haben so vieles im Leben, das wir mögen: Unsere Beziehungen, die Menschen, die wir lieben, Dinge, die uns wichtig sind, Ziele, die wir noch erreichen wollen. Und je nachdem, welche Prioritäten wir im Leben setzen, wofür wir unsere Zeit, unsere Energie, unser Geld einsetzen, wird deutlich, woran wir in diesem Leben hängen.
Dann kommt der Gedanke an den Tod und plötzlich merken wir: All das können wir nicht mitnehmen. Es zerrinnt uns zwischen den Händen. Es zerfällt zu Staub. Es bleibt einfach sehr, sehr wenig übrig von unserem Leben, wenn wir sterben. Besitz bleibt kaum: Das meiste wird verkauft, Weniges wird vererbt. Das Schöne bleibt nicht. Körperliche Merkmale bleiben nicht. Sammlungen, Ehrgeiz, Immobilien, Reichtümer – all das vergeht.
Was den Tod so schwer macht, sind auch unsere Wünsche und Ziele: Ich will doch noch etwas erleben. Den Menschen für mein Leben finden. Ich möchte noch eine Familie gründen. Ich will noch meine Kinder oder Enkelkinder aufwachsen sehen. Ich will noch diesen Ort bereisen oder diese Beziehung noch kitten. Ich wünsche mir noch so sehr, Versöhnung oder Gerechtigkeit zu erleben. Hier in meinem Leben jetzt oder in meiner Zukunft auf dieser Erde.
Und genau deshalb passt der Gedanke an den Tod so schlecht zu unserem Leben. Er passt nicht zu unserem Erleben von Nähe, von Wachstum, von Beziehung, von Entwicklung.
Wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen, dann trauern wir nicht nur um Menschen, die wir verloren haben. Wir trauern auch darüber, dass wir selbst nicht ewig leben. Dass unser Leben ein Ende hat. Dass diese Welt nicht so ist, wie wir sie uns eigentlich wünschen würden.
Das erleben wir nicht nur, wenn wir einen nahestehenden Menschen verlieren. Wenn die Verbindung noch stark ist. Die Nähe noch da ist. Die Liebe. Aber plötzlich hat sie kein sichtbares und greifbares Gegenüber mehr, das antworten kann. Kein Zielpunkt mehr, an dem diese Liebe ankommen kann. Trauer ist Liebe, die ihr Gegenüber verloren hat.
Genau diese Erfahrung machen wir – auf einer anderen Ebene – auch dann, wenn wir über den Tod nachdenken. Über unseren eigenen Tod. Über die Endlichkeit unseres Lebens. Auch da ist Trauer im Spiel. Trauer darüber, dass unser Leben begrenzt ist. Dass wir nicht alles festhalten können. Dass wir loslassen müssen.
Und diese Trauer ist eine sehr menschliche und gesunde Reaktion auf ein Ende, das wir uns nicht wünschen, das einfach gesetzt ist. Diese Trauer ist nicht das Problem. Sie ist nichts Negatives. Sie zeigt, wie sehr wir leben wollen.
Es ist nicht moralisch fragwürdig und niemand muss sich schuldig fühlen, wenn das Heimkommen zu Gott noch gar nicht unser Wunsch ist. Gott hat uns das Leben geschenkt – natürlich dürfen wir es lieben.
Und gleichzeitig kommen wir nicht darum herum. Es gibt kein Leben ohne Sterben. Jedes Leben auf dieser Erde geht irgendwann zu Ende. Pflanzen. Tiere. Menschen. Wir wissen das. Der Tod gehört zum Leben dazu. Nicht nur als theoretischer Gedanke. Sondern als Realität.
Und deshalb ist Akzeptanz so wichtig. Sich abzufinden damit, dass unser Leben früher oder später endet.
Akzeptanz: Wir kommen an der Endlichkeit nicht vorbei
Ich glaube, es spielt eine enorme Rolle für unser Leben, ob wir das akzeptieren können. Nicht resigniert, sondern ehrlich. Es ist wichtig, dass wir annehmen können, dass unser Leben früher oder später zu Ende geht. Mein Leben und das meiner Eltern, Großeltern, meiner Freunde. Es wird zu Ende gehen.
In den Gesprächen, die ich als Trauerrednerin mit Menschen führe, die gerade jemanden verloren haben und eine Beerdigung planen müssen, erlebe ich immer wieder, dass Menschen vom Tod völlig überrumpelt sind. Selbst dann, wenn der Partner schon lange schwer krank war. Wenn das Ende schon lange am Horizont zu sehen war. Trotzdem höre ich dann oft: „Es kam so plötzlich.“
Der erste Schritt ist deshalb nicht, Antworten zu haben. Der erste Schritt ist, diese Trauer ernst zu nehmen. Und anzuerkennen: Ja, es ist schwer. Und ja, das ist verständlich.
Trauer geht nicht einfach weg, wenn wir sie beiseiteschieben. Sie braucht Platz und darf gefühlt werden. Und nur so kommen wir dazu, den Tod und seine Wahrheit zu akzeptieren und zu lernen, damit umzugehen. Erst dann können wir uns gut darauf vorbereiten.
Das Sterben wie die Geburt – existenziell und unkontrollierbar
Sich auf das eigene Sterben vorzubereiten ist ein wenig wie die Vorbereitung für eine Geburt. Menschen, die eine Geburt erlebt haben, egal in welcher Rolle, wissen, wie wenig sich das planen lässt. Wie viel Ungewissheit dazu gehört. Wie sehr man darauf angewiesen ist, kompetent und warmherzig begleitet zu werden. Wir können einiges tun: eine Begleitung suchen, organisieren, was uns unterstützt und unserem Umfeld sagen, was uns wichtig ist. Und doch bleibt die Geburt wie das Sterben: existenziell und kaum kontrollierbar. Niemand weiß, wie es kommen wird, was geschehen wird, wie es ausgehen wird.
Das ist beim Sterben ebenso. Nur dass wir es gesellschaftlich viel weniger integriert haben. Es ist leider gesellschaftlich schlechter abgesichert als der Lebensanfang. Es gibt Elternzeit, aber keine gesetzlich abgesicherte, fest installierte Trauerzeit, um Abschied zu nehmen. Kaum geregelte und gut finanzierte Hilfen. Das ist sehr schade. Gut, dass es Menschen gibt, die sich hier engagieren. Denn das ist nicht nur eine persönliche Herausforderung, sondern auch eine gesellschaftliche. Der Tod gehört nicht an den Rand unserer Städte. Er gehört in unsere Gespräche und den Alltag. Und gleichzeitig bleibt es eine sehr persönliche Frage, wie jeder Einzelne damit umgeht.
Was können wir tun, um uns dem Ende, dem Tod und dem Sterben anzunähern, uns vielleicht sogar mit ihm anzufreunden?
Die pure Akzeptanz unserer Endlichkeit verändert schon etwas. Sie kann Tiefe und Ehrlichkeit schaffen: Wie will ich leben, wenn meine Zeit nicht unendlich ist? Was trägt, wenn alles zu Staub zerfällt. Was will ich bis dahin gesagt und wie will ich gelebt haben? Worauf möchte ich zurückschauen, wenn ich einmal endgültig loslassen muss? Was soll von mir bleiben?
Was bleibt und trägt: Liebe – menschlich und göttlich
Was trägt wirklich, wenn ich an den Tod denke? Was bleibt? Da wird sehr klar: Es dreht sich um Beziehungen. Es ist Liebe. Dass ich etwas oder jemanden geliebt habe. Dass jemand uns geliebt hat. Und uns weiter liebt, auch wenn wir nicht mehr da sind. Diese Liebe ist das Einzige, was den Tod überdauert. Das Einzige, das bleibt.
Wenn ein geliebter Mensch stirbt, dann erlebe ich oft, wie wichtig das gemeinsame Tragen ist. Zusammensitzen. Weinen. Schweigen. Die Hand auf die Schulter legen. Essen kochen. Schimpfen. Spazierengehen. Für jemanden da sein. Es geht um unsere Beziehungen.
In den Gesprächen mit Zugehörigen geht es meist zuerst um das Schwere der letzten Tage oder Wochen. Was sie aushalten mussten, wer dabei war – und wer nicht. Was geholfen hat und wie überfordernd all das war.
Dann tauchen Wünsche und Fragen zur Trauerfeier auf. Was denn möglich ist, was denn dort sein darf. Viele sind überrascht, dass kaum etwas sein muss und wie viel wir persönlich entscheiden können nach dem, was wir uns wünschen oder welche Wünsche die oder der Verstorbene hatte. Wir sprechen darüber, dass viele unsicher sind, was der Verstorbene wollte. Welche Musik aus dem Herzen spricht, ob ein Gebet passen würde oder welche Worte.
Und dann erzählen sie vom Leben. Meist lange. Manchmal chronologisch, manchmal hin und her springend – einfach all das, was wichtig war. Dann kommen die Anekdoten. Der Urlaub an diesem Ort. Diese eine Bank unter dem Baum am See. Dieser Spruch, der immer kam. Der Aquapark. Der Bademeister, der nass gespritzt wurde. Dann wird oft mehr gelacht als geweint, die Augen leuchten. Dann ist die Verstorbene ganz deutlich spürbar, fast sichtbar.
Und dann ist klar: Das ist der Kern. Das muss erzählt werden. Denn hier wird deutlich, wie Menschen miteinander gelebt haben. Was sie miteinander genossen haben, was sie miteinander geliebt haben – und was sie aneinander geliebt haben.
Eine Trauerfeier ist dann nicht nur traurig. Sie kann auch wunderschön sein. Weil sie feiert, dass ein Mensch wertvoll war. Dass er oder sie geliebt war und ist. Das Einzige, das bleibt, sind Beziehungen. Verbindungen. Unsere Liebe zu Menschen, die schon von uns gegangen sind. Unsere Verbindung, die nicht abbricht, auch wenn der Mensch gestorben ist. Liebe bleibt.
Denn am Ende des Lebens leiden Menschen oft nicht so sehr darunter, dass sie sterben müssen. Sie leiden darunter, was im Leben passiert oder eben nicht passiert ist. Sie kämpfen mit Schuldgefühlen, Bedauern über ungeklärte Beziehungen. Und sie bereuen, nicht richtig oder nicht genug gelebt zu haben, zu viel gearbeitet zu haben, zu sehr für andere gelebt zu haben. Nicht genug genossen und geliebt zu haben.
Leben ist immer Fragment. Es gehört dazu, das Schöne anzunehmen und zu feiern. Und eben auch das Schwere anzuschauen. Brüche wahrzunehmen. Klärungen zu suchen. Manchmal Klärungen mit dem Gegenüber. Und da, wo das nicht möglich ist, für sich selbst Klärung zu suchen. Wenn nötig auch mit guter, fachkundiger Hilfe. Das ist Vorbereitung auf ein gutes Sterben.
Über das Sterben nachdenken, um gut leben zu können
Doch der erste Schritt dabei ist immer: Miteinander über das Sterben und den Tod zu sprechen. Miteinander darüber ins Gespräch zu kommen, vielleicht auch erst einmal ganz abstrakt. Über Abläufe, über Technisches, Pragmatisches.
Fragt besonders die älteren Generationen, die schon einige Bestattungen erlebt haben: Wie waren diese Trauerfeiern? Was hat euch gefallen oder abgeschreckt? Redet miteinander. Über das Ende. Über Wünsche.
Sorgt dafür, dass es ein gutes Abschiednehmen wird, dass den persönlichen Wünschen eurer Lieben entspricht.
Und sprecht über das Leben. Was wirklich wichtig ist. Erzählt euch, was euch Sorge macht und was euch unruhig macht, wenn ihr an das Ende denkt. Sprecht über eure Gedanken, eure Gefühle. Wenn Reden schwerfällt, dann schreibt. Oder malt, baut. Und baut das Leben so, dass etwas bleibt, wenn das Ende kommt. Was soll bleiben? Woran sollen sich andere erinnern?
Konkrete und pragmatische Vorsorge
Bei all dem wird manchmal das ganz Praktische vergessen. So wie für viele vor einer Geburt ein Vorbereitungskurs selbstverständlich ist, so können wir uns auch auf unser Ende vorbereiten. Wir können uns gegenseitig interviewen, welche Bestattungsformen uns ansprechen. Neben den klassischen (Feuerbestattungen, Erdbestattungen und Seebestattungen) gibt es zahlreiche neuere Formen wie die Ballonbestattung, die Friedwälder, die Ascheverstreuungen in den Dünen und viele mehr. Fragt eure Eltern, Partnerpersonen und Freunde oder in eurer Kleingruppe, welche Lieder ihr euch für eure Beerdigung aussuchen würdet. So ein Gespräch darf ja auch spielerisch sein, ein Gedankenexperiment. Und doch nimmt es das Bedrohliche. Es bereitet vor. Schafft Sicherheit und Offenheit. Und Vertrauen.
Ganz entscheidend sind die konkreten Schritte: Auch für junge Menschen ist eine Patientenverfügung absolut sinnvoll. Das kann auch gut mit einer*m vertrauten Hausärzt*in durchgesprochen werden. Ein Vorsorge- und Informationsgespräch bei einer*m Bestatter*in kann Sicherheit geben. Eine Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung ist sinnvoll. Hier beraten Sozialberatungsstellen von Diakonie, Caritas oder anderen Trägern. Es ersparte so viel Leid, würde in jeder Partnerschaft und Familie auch zwischen den Generationen darüber gesprochen werden.
Loslassen
Dass wir Angst haben, ist menschlich. Dass wir das Leben lieben möchten, ebenso. Liebe verschwindet nicht mit dem Sterben. Sie hört nicht einfach auf. Sie verändert ihre Form.
Wenn ich sage „Die Liebe ist das Einzige, was den Tod überlebt“, meine ich kein Auslöschen oder Aufheben des Todes. Sondern: Liebe bleibt wirksam. Sie bleibt tragfähig. Sie bleibt verbindend.
Das gilt auf der menschlichen Ebene: Die Menschen, die wir hier zurücklassen, werden uns weiterhin lieben. Diese Liebe trägt sie weiter. Sie erinnert. Sie verbindet. Sie ist stärker als das, was wir sehen können.
Und das gilt auch auf der Ebene des Glaubens: Gottes Liebe ist stärker als der Tod. Sie nimmt uns auf. Wir sind in Gottes liebenden Händen, auch wenn wir sterben. Diese Liebe begleitet uns durch den Vorhang hindurch, hinter den niemand schauen kann. Und auch im Tod trägt uns die Liebe.
Auch hier: Ängstlich zu sein, ist moralisch absolut neutral, keine Schuld. Denn es ist ein großes Unbekanntes. Niemand weiß genau, was dann passiert, auch wenn es schon viele behauptet haben. Niemand weiß, wie es sich anfühlt. Manche Menschen können sich gut an den überlieferten Vorstellungen festhalten, andere haben damit große Schwierigkeiten. Und all das ist in Ordnung.
Ich bin sicher: Gottes Liebe ist größer. Größer als unsere Scheu. Größer als unsere Zweifel. Größer als unsere Vorstellungen.
Ein Kind, das gerade geboren wird, weiß nicht, was mit ihm passiert und was nach der Geburt kommt. Alles ist fremd. Alles ist anders als bisher vorstellbar. Nähe und etwas Sicherheit gibt der nahe Körper, der Geruch, vertraute Geräusche und Stimmen, die vorher schon durchdrangen. Niemand geht allein durch diesen Vorhang.
Vielleicht ist es beim Sterben ähnlich. Wir werden begleitet durch diesen Vorhang von Liebe. Ohne zu wissen, was genau dahinter liegt. Aber nah und gehalten.
Bibeltexte, die hinter diesem Artikel stehen:
Psalm 90,12
Psalm 23
Hohelied 8,6
Römer 8,38-39
Offenbarung 21,3-4
Psalm 139,7-8
Weitere Literatur
- Christliche Patientenvorsorge und Patientenverfügung (gemeinsam herausgegeben von der EKD, ACK und der DBK).
- Notfallmappe „Ich bin vorbereitet“ (herausgegeben von der Freien Universität Berlin).
- 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen von Bronnie Ware.
Nathalie Abel-Klaiber
Nathalie Abel-Klaiber ist Trauerrednerin. Sie begleitet Menschen rund um Abschied und Bestattung. Und sie liebt es, immer wieder zu erleben, wie viel Leben darin steckt.