Zurück in die Zukunft. Von der Kraft motivierender Zukunftsbilder
Von Antonio Israel | Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 32-35 | Lesezeit: 5:05 Min
Der Blick auf die Zukunft ist wichtig
Endlich Freitag! Das Wochenende steht vor der Tür. Laut Umfragen ist der Freitag ein sehr beliebter Wochentag. Sogar doppelt so beliebt wie der Sonntag. Denn am Sonntag blickt man schon wieder auf die neue Arbeitswoche. Sicher keine überraschende Erkenntnis. Aber doch bemerkenswert: Die Aussicht auf freie Tage wertet den Tag mehr auf als das Freihaben selbst.
Unser emotionales Befinden hängt wesentlich damit zusammen, welche Zukunft wir für uns sehen. Uns geht es im Moment richtig gut und wir haben alles. Aber wenn wir befürchten, dass es uns morgen schlechter geht, zieht uns das schon heute runter. Wenn es uns dagegen heute schlecht geht, wir aber die Hoffnung haben, dass es in Zukunft besser sein könnte, baut uns das heute schon auf. Wir brauchen also positive Bilder von der Zukunft! Für uns selbst. Aber auch für Gemeinde. Für die Gesellschaft.
Gesellschaftlich stehen wir gerade an einem Sonntagnachmittag. Eigentlich geht es uns richtig gut. Wirtschaftlich in der Oberliga. Wir leben in einem Wohlstand, den die Welt zuvor nicht gesehen hat. Die meisten Ziele der Aufklärung und Demokratiebewegung, für die viele Generationen vor uns gekämpft haben, sind heute erreicht. Doch wenn wir in die Zukunft schauen, ahnen wir, dass einige Arbeit auf uns zu kommt. Wirtschaft zukunftsfähig machen. Den Sozialstaat funktionsfähig halten. In Infrastruktur und Bildung investieren. Das Klima bewahren. Das wird eine „harte Woche“. Und uns fehlen neue positive Zukunftsbilder, die uns motivieren, mutig nach vorne zu gehen und die Dinge entschlossen anzupacken.
Zukunftsbilder sind Leitbilder
Im 2. Buch Mose lesen wir, wie das Volk Israel aus der Sklaverei Ägyptens auszieht. Nun stehen sie da. Auf der Halbinsel Sinai, in der Wüste. Wie geht es weiter? Zwei gegensätzliche Zukunftsbilder stehen immer wieder in Konkurrenz zueinander. Gott weiß, wie wichtig positive Zukunftsbilder sind. Er malt geradezu poetisch ein Bild: Euch erwartet ein fruchtbares Land, in dem Milch und Honig fließen! Ihr werdet alles haben, was ihr braucht, und ich schütze euch (2. Mose 3,8 und 6,8). Viele im Volk dagegen haben ein pessimistisches Bild: Auf diesem Weg gibt es nur die Wüste. Hier gibt es keine Zukunft für uns. Wir werden hier sterben (2. Mose 17,2-3).
Es würde einen Unterschied machen, marschierte das Volk los, im Vertrauen auf Gott, die gute Zukunft vom fruchtbaren Land fest im Blick. Es wäre nur eine überschaubare Zeit in der Wüste. Mit Durst, Hitze und Entbehrungen zwar. Aber das würden sie mit Gottes Hilfe durchstehen.
Stattdessen leitet sie das negative, hoffnungslose Zukunftsbild: Das wird doch nichts. Das ist von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und tatsächlich führt ihr pessimistischer Blick zu Entscheidungen, die sie letztlich in den Untergang führen, den sie heraufbeschworen haben. Eine ganze Generation stirbt in der Wüste. Und erst die nächste, mutige, auf Gott vertrauende Generation erreicht die gute Zukunft, das fruchtbare Land (4. Mose 13-14).
Sinai-Situationen
In unserem Leben befinden wir uns häufig in Sinai-Situationen. Situationen, die beides in sich tragen: Dürre und Durst. Aber auch Wasserquellen. Herausfordernde Notsituationen. Und die Erfahrung, versorgt zu sein. Wie wir diese Sinai-Situationen erleben und was wir aus ihnen machen, hängt sehr davon ab, welches Zukunftsbild wir haben. Liegt vor uns der Untergang? Oder hat Gott eine gute Zukunft für uns?
Das Heftthema „Der letzte macht das Licht aus“ weist darauf hin, dass wir im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden vor einigen Herausforderungen stehen. Weniger Mitglieder. Gemeinden schließen. Weniger Geld steht zur Verfügung. Anderen Kirchen geht es ähnlich. Wir könnten jetzt auf diese Sinai-Situation blicken und ängstlich befürchten: Das wird doch nichts mehr. Das Reich Gottes wird in dieser geistlichen Wüste Deutschland und Europa sterben. Womöglich würde uns ein solch hoffnungsloses Zukunftsbild dermaßen lähmen, dass wir dem Heilswirken Gottes am Ende noch selbst im Wege stehen.
Viel besser ist es, sich nicht von Sorgen um die Zukunft zermürben zu lassen (Mt 6,34). Sondern auf Gott zu vertrauen und auf sein Bild von der Zukunft: Alle Völker werden zum Glauben kommen und Gott ehren (Dan 7,13-14; Offb 21,24). Alle, auch die Menschen in Deutschland und Europa. Das ist das große Finale, das gute Ziel, das Gott erreichen wird. Die jetzige Zeit der Säkularisierung ist nur eine Sinai-Wüste, die Herausforderung des Übergangs in eine bessere Zukunft. Ich weiß nicht, wann und wie Gott das verheißene Land mit uns erreicht. Aber er wird Quellen auftun und Wege öffnen. Da bin ich sicher. Ich möchte entschieden nicht den Kopf in den Wüstensand stecken, sondern will mich von dieser Zukunftsvision Gottes leiten lassen. Diese Zukunft bestimmt meine Gegenwart.
Auf das Baby schauen
Eine Freundin erzählt dir, sie sei schwanger. Wie reagierst du? Sagst du: „Oh das tut mir leid! Es wird eine schwere Zeit auf dich zukommen. Die körperlichen Veränderungen. Schmerzen. Oh, und wenn die Wehen erst losgehen, dann gute Nacht!“ Sicher nicht. Das mag alles richtig sein. Aber vor allem wirst du dich über das kommende Baby freuen. Das neue Leben, das entsteht. Bald ist der kleine niedliche Erdenbürger da. Vielleicht kauft ihr schon mal einen Strampler, in aller Aufregung und Vorfreude.
Jesus und andere Autoren der Bibel vergleichen die Zukunft dieser Welt mit einer Schwangerschaft (Mt 24,8; Joh 16,20-22; Röm 8,22). Wirtschaftliche und soziale Erschütterungen, Naturkatastrophen und Verfolgung gehören phasenweise zur Geschichte der Menschheit. Mir begegnet in Gemeinden gelegentlich die Haltung, dass diese Welt untergehen und in diesen Katastrophen enden wird. Woraus einige dann noch schließen, dass sie sich bis dahin mit Kaffee und Kuchen im Gemeindehaus verschanzen sollten.
Die Katastrophen sind laut Neuem Testament aber keine Zeichen eines Untergangs der Welt. Die Geschichte endet nicht in der Katastrophe. Sondern diese Katastrophen sind – und das ist entscheidend – Zeichen eines Übergangs! Wie die Wehen einer Schwangerschaft. Leidvoll. Aber nicht das Ziel. Die schweren Zeiten sind Gelegenheit zum Besinnen auf das eigentliche Ziel der Geschichte: Die Herrschaft durch Jesus Christus (Offb 20) und eine neue Weltordnung ohne Schmerzen, ein ewiges Leben in ungetrübter Gottesnähe (Offb 21-22).
Gott gestaltet eine gute Zukunft
Ich wünsche mir, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf das Neugeborene fokussieren. Auf die ermutigende Zukunft. Auf die Herrschaft Gottes, die schon da ist, heranwächst und, wenn die Zeit reif ist, vollkommen auf die Welt kommt. Ich glaube, dass wir uns an diesem guten Ziel der Geschichte schon heute erfreuen können.
Ich weiß, dass wir mit erhobenem Haupt durch die Sinai-Situationen unserer Zeit gehen können. Nicht weil der Weg leicht ist. Sondern weil selbst herausfordernde Mitgliederentwicklungen und wenig finanzielle Ressourcen Schritte in eine letztlich gute Zukunft sind. Wir müssen uns von Ängsten und Sorgen nicht überwältigen lassen, sondern können Gott vertrauen. Solche Herausforderungen sind, wie die Dürre in der Sinai-Wüste oder die Wehen der Endzeit, Momente der Besinnung. Gelegenheit zur Umkehr. Zeiten der Reinigung. Die Möglichkeit, Gott erneut Vertrauen zu schenken. Um dann aber wieder mutige Schritte in eine bessere Zukunft gehen zu können. Das Ziel fest vor Augen: eine erneuerte Welt unter der guten Herrschaft Gottes.
Vielleicht gelingt es uns in dieser zuversichtlichen Haltung sogar, Hoffnungsträger zu sein in einer perspektivlosen Gesellschaft. Die aktuelle Mutlosigkeit braucht ermutigende Visionen und zukunftsweisende Bilder einer resilienten, solidarischen und nachhaltigen Gesellschaft. Auch eine Gesellschaft braucht Zuversicht auf eine gute Zukunft, zu der man sich gern auf den Weg macht.
Antonio Israel
Antonio Israel ist Pastor in Glauchau, Sachsen, und hat als Student Vorlesungen nicht anhand der Bedeutung für die berufliche Entwicklung, sondern aufgrund der späteren Anfangszeit ausgewählt. Das war nicht sehr zukunftsorientiert.