„Hurra, die Welt geht unter!“ Wie im Rap über die Apokalypse gesprochen wird und was man daraus lernen kann

Von Matthias Drodofsky  |  Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 28-31  |  Lesezeit: 5:16 Min

Samstag, 3. Januar. Der Tag begann beinahe apokalyptisch – mit einem Stromausfall. Kein Licht, keine Heizung und kein Internet. Ein Blick aus dem Fenster verriet, dass die ganze Straße im Dunkeln lag.

Da ich einigermaßen auf die Apokalypse vorbereitet bin – das gehört als Pastor zum Berufsbild –, holte ich aus dem Keller das für solche Fälle gekaufte „Kurbelradio“ und hörte in den Nachrichten vom Anschlag auf das Berliner Stromnetz. An diesem Tag ging mir eine Liedzeile von Prinz Pi nicht mehr aus dem Kopf:

„Die erste Bombe, die fällt, am Ende der Welt, schlägt hier ein in West-Berlin."

So rappt Prinz Pi in dem Refrain des Liedes „West-Berlin“ (2025). Was nach überzeichneter retrospektiver Kalte-Krieg-Romantik klingt, fühlte sich an diesem Tag irgendwie seltsam real an. In dem Lied bleibt der Rapper aber nicht beim skizzierten Szenario atomarer Auslöschung, sondern er leitet – beinahe beschwingt – über zu einer Haltung, die sich von den Bedrohungen nicht veräng­stigen lässt, sondern versucht, das Leben intensiv zu leben:

„Die erste Bombe, die fällt, am Ende der Welt,
schlägt hier ein in West-Berlin.
Vielleicht leben wir darum so intensiv,
schwer denkbar, hier wegzuzieh’n.“

Was Prinz Pi hier macht, ist ein typisches Motiv im Rap: Themen werden in großer künstlerischer Freiheit umgedeutet – oft in einer Sprache, die in anderen Kontexten unter keinen Umständen verwendet werden könnte und sollte. Die atomare Bedrohung wird zum Lebenselixier. In anderen Liedern werden prekäre Wohn- und Lebensverhältnisse – oft subsumiert unter dem Begriff „Ghetto“ – romantisch stilisiert. Das Leben im gesellschaftlichen Abseits als „Gangster“ wird in heroischen Farben gezeichnet. Marginalisierung wird zur identitätsstiftenden Qualität umgedeutet. Die echten Machtverhältnisse werden in den Liedern auf den Kopf gestellt. Diese Motivumkehr gehört ganz wesentlich zur Entstehungsgeschichte des Rap.

In Kurzform lässt sich die Entstehung des Rap als Etablierung von Gegenkulturen beschreiben. Rap entstand ab den siebziger Jahren aus den kommunikativen Kontexten der Black Urban Culture in den USA. In der Black Culture gab es diverse Vorläufer zur „Sprachform“ des Rap, wie Blues und Soul, Spoken Poetry, Black Preaching (u. a. m.). In den oft prekären Lebenssituationen junger afroamerikanischer Menschen formierte sich eine lebendige Gegen- und Partykultur.

Teil dieser Gegenkultur waren Sprachspiele, die auf Rhythmus und Reim basierten. Häufig waren solche Sprachspiele als eine Art moderierende Zwischeneinlage Teil der Partys. Anfangs war Rap daher hauptsächlich Partymusik. Dies änderte sich im Laufe der Zeit und zunehmend wurden soziale und rassistische Missstände in den Texten thematisiert und kritisiert.

Die Gruppe Public Enemy, die sich wie kaum eine andere Rap-Formation auf drastische Weise sozialkritisch äußerte, nutzte häufig apokalyptische Motive, um den gesellschaftlichen Rassismus und die sozialen Missstände in den USA zu kritisieren: Ihr Album „It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back“ (1988) beginnt mit einem „Countdown to Armageddon“. Das folgende Album „Fear of a Black Planet“ (1990) – mit den berühmten Titeln „Fight the Power“ und „911 Is a Joke“ – ziert ein Cover, welches die Erde kurz vor einer Kollision mit einem schwarzen Planeten zeigt. 1991 veröffentliche die Gruppe ein Album, das die Apokalypse sprichwörtlich im Namen trägt: „Apocalypse 91... The Enemy Strikes Black“. Besonders das Lied „By the time I get to Arizona“ sorgte für heftige Debatten: In Arizona war der Martin-Luther-King-Feiertag abgeschafft worden. Dafür nahm Public Enemy in diesem Lied und dem zugehörigen Musikvideo verbal und brutal Rache. Auf ähnliche Weise thematisiert 2Pac in seinem ersten Album „2Pacalypse Now“ (1991) rassistische Missstände (Liedtipp: „Trapped“).

Die Verwendung apokalyptischer Motive dient der Illustration einer beinahe prophetischen Wut auf ein System, welches in dramatischer Weise als rassistisch erlebt wird. Die Beschwörung des Untergangs dieses Systems ist gleichzeitig Kritik und Aufruf zur Befreiung.

Im deutschen Rap finden sich durchaus auch Rap-Lieder, die den Untergang des Systems besingen. Allerdings wird im deutschen Rap der Untergang nicht als Folge eines Aufstandes gegen rassistische Machtstrukturen beschrieben, sondern als Folge menschlich verursachter Zerstörung. In den Liedern „Hurra, die Welt geht unter“ (2015) von K.I.Z. und „Endzeit“ (2005) von Die Firma wird auf die Zerstörung durch einen Atomschlag zurückgeblickt – wenngleich auf sehr unterschiedliche Weise: Im Lied „Endzeit“ wird eine düstere, apokalyptische Szenerie beschrieben, die an klassische Katastrophen- oder Zombiefilme erinnert. Rettung ist dabei nicht in Sicht: Angesichts der Katastrophe heißt es in der letzten Strophe:

„Ich verlor meinen verbleibenden Glauben,
die Kirchen und die Moscheen stehen menschenleer,
es kommen keine Menschen mehr.
Gott, ich wünschte, dass hier Menschen wären,
doch alles wird rarer,
Haut und Knochen, wir sind mager und depressiv,
es ist lang her, dass ich in Städten schlief,
niemand bewohnt die Ruinen der Zivilisation“
.

Passend endet das Lied mit einer finalen Zerstörung. Korrespondierend dazu blicken Die Firma in dem Lied „Neue Welt“ auf die Vernichtung der Menschheit durch den Klimawandel zurück (Liedtipp!). Menschliche Maßlosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen die Natur führen in beiden Liedern schließlich zur Vernichtung der Menschheit. Die apokalyptischen Motive sind hier auf die Bedrohung durch eine finale Zerstörung zugespitzt.

Eine andere Perspektive auf den Zusammenbruch der bestehenden Ordnung nimmt das Lied „Hurra, die Welt geht unter“ der Gruppe K.I.Z. ein. Fast jubelnd wird hier auf das Ende der bürgerlichen Gesellschaft zurückgeblickt. Die Welt nach dem Zusammenbruch ist anarchisch, menschenfreundlich und gottlos. Tatsächlich dienen die Begriffe Kirche, Religion, Bibel als Chiffren des alten, unterdrückenden, kapitalistischen Systems:

„Unsere Haustür'n müssen keine Schlösser mehr haben.
Geld wurde zu Konfetti und wir haben besser geschlafen.
Ein Goldbarren ist für uns das Gleiche wie ein Ziegelstein.
Der Kamin geht aus, wirf ma' noch 'ne Bibel rein.
Die Kids gruseln sich, denn ich erzähle vom Papst.
Dieses Leben ist so schön, wer braucht ein Leben danach?“

In faszinierend provokanter Manier wird in diesem Lied eine fröhlichere und friedlichere Welt entworfen, abseits normierender gesellschaftlicher Vorstellungen:

„Wir steh'n auf, wann wir woll'n, fahr'n weg, wenn wir woll’n.
Seh'n aus, wie wir wollen, haben Sex, wie wir woll’n.
Und nicht, wie die Kirche oder Pornos es uns erzähl’n“.

Die Apokalypse wird in diesem Lied nicht als finales Ende, sondern als Beginn von etwas Neuem gefeiert. Der Verlust der alten Ordnung wird nicht als Verlust, sondern vielmehr als Befreiung ausgemalt. Die neue Welt wird nicht als jenseitiger Ort beschrieben, sondern als Gemeinschaft, die nach zutiefst menschlichen Regeln agiert. Im Rap sind Menschen die Akteure der Apokalypse – zum Guten und zum Schlechten.

Was lässt sich also nun von der Art und Weise, wie Rap über das Ende der Welt spricht, lernen?

Diese Welt muss sich ändern! Die Lieder von Public Enemy oder 2Pac, haben nichts von ihrer Relevanz eingebüßt. Im Gegenteil! Die politische Situation in den USA ist – mit massiver Unterstützung aus christlichen Kreisen! – hochdramatisch. Wenn im Rap von Apokalypse gesprochen wird, dann hat das politische, sozial-kritische Dimensionen. Da findet sich kämpferischer Aktivismus, der rassistische und gesellschaftliche Schieflagen massiv anprangert und aufruft, gesellschaftliche Ungerechtigkeit, Rassismus und politische Missstände zu überwinden.

Rap als Sprachform macht vor, wie man die eigene Stimme erheben kann – oder wie es Prinz Pi in dem Lied „Sandstrand“ (2017) formuliert:

„Der Pazifist lädt den schwarz´n Stift mit sein´n Patron´n und zielt“. 

Musikempfehlungen

2Pac:
2Pacalypse Now (1991)
I wonder if Heaven got a Ghetto (1993 / 1997)

Public Enemy:
It Takes a Nation of Millions to Hold Us Back (1988)
Fear of a Black Planet (1990)
„By the time I get to Arizona“ vom Album: Apocalypse 91... The Enemy Strikes Black (1991)

Die Firma:
Endzeit (2005)
Die neue Welt (2007)

K.I.Z.:
Hurra die Welt geht unter feat. Henning May (2015)

Prinz Pi:
West-Berlin (2025)

Literatur

https://www.fluter.de/heft93 

https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/265111/rap/

Bonnette, Lakeyta M.: Pulse of the People. Political Rap Music and Black Politics, University of Pennsylvania Press, 2015.

Drodofsky, Matthias: Zwischen Namedropping und Erfüllung des Traums. Referenzen auf die Eschatologie Martin Luther Kings im US-amerikanischen Hip-Hop, in: ZThG 30, 2025, 184-196.

Werner, Florian: Rapokaylypse. Der Anfang des Rap und das Ende der Welt, Bielefeld, transcript Verlag, 2007.

Matthias Drodofsky

Matthias Drodofsky, geb. 1988, zog nach dem Abitur aus der süddeutschen Provinz zum Theologiestudium nach Berlin. Er ist Pastor in Berlin und promoviert derzeit an der Universität Oldenburg.