Aufhören, um weiterzukommen.
Exnovation als Schlüssel geistlicher und organisatorischer Erneuerung
Von Sandra Bils | Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 20-24 | Lesezeit: 7:56 Min
„Du musst wissen, dass sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, dass er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen.“ (Meister Eckhart)
Veränderung ist zu einem Synonym für Innovation geworden. Denken wir an Transformationen und Wandel, setzen wir dies oftmals nur mit einem Hinzufügen gleich: Neues anstoßen, Projekte starten, Prozesse beschleunigen. All das gilt als Ausdruck von Zukunftsfähigkeit. Auch in kirchlichen Kontexten ist Innovation inzwischen ein vertrautes Schlagwort. Gemeinden erproben neue Strukturen, schaffen kreative Angebote und setzen mutige Schritte in der Erprobung alternativer Herangehensweisen um. Das ist gut und wichtig. Doch zugleich zeigt sich, dass diese starke Fokussierung und Konzentration auf das Neue eine Schieflage erzeugt. Wo immer nur addiert, erweitert und fortgeschrieben wird, ohne zugleich auch etwas zu beenden, entstehen Überforderung, Erschöpfung und Unübersichtlichkeit. Das System ächzt langfristig unter einem „immer mehr“.
Viele kirchliche Strukturen ähneln einer Wanderin mit einem viel zu schweren Rucksack. Auf ihrem Weg kommen ständig neue Ideen, Projekte und Aufgaben hinzu, doch kaum etwas wird herausgenommen. Mit jedem weiteren Vorhaben wird der Rucksack voller, der Weg beschwerlicher, und das Ziel gerät aus dem Blick. In der Folge verlangsamen sich Entscheidungsprozesse, Menschen verlieren Orientierung, Ressourcen werden gebunden, obwohl sie an anderer Stelle dringend gebraucht würden. Jede Hinzufügung – egal wie relevant, hilfreich oder wertvoll sie ist – wird zur Belastung. Der einzige Ausweg ist, unterwegs innezuhalten, den eigenen Rucksack zu öffnen und zu prüfen, was wirklich gebraucht wird und was dankbar zurückgelassen werden kann.
Genau hier setzt Exnovation an. Der Begriff bezeichnet das bewusste Beenden und Loslassen von dem, was nicht mehr trägt. Exnovation ist kein Akt der Zerstörung, sondern eine Haltung: das dankbare Aufhören, um Raum für Neues zu schaffen. Sie ist nicht das Gegenteil von Innovation, sondern deren notwendige Partnerin. Erst das Zusammenspiel von beidem ermöglicht wirkliche Erneuerung.
Exnovation – mehr als strategisches Loslassen
Der Begriff stammt ursprünglich aus dem medizinisch-klinischen Bereich an der Schnittstelle zu Organisationsforschung. Der amerikanische Organisationsforscher John Kimberly prägte ihn in den 1980er-Jahren und beschrieb Exnovation als letzten Schritt im Innovationszyklus: Nach Erfindung, Einführung und Anwendung braucht es auch das bewusste Beenden des Veralteten. Nur so können Innovationen wirklich greifen und sich etablieren.
Heute wird Exnovation mehr und mehr zu einem Schlüsselbegriff: von der Nachhaltigkeitsforschung über Wirtschaft und Verwaltung bis hin zu Fragen kultureller Transformation. Sie verweist auf einen blinden Fleck unserer Veränderungskultur: die Vernachlässigung des Beendens und unser Verdrängen des notwendigen Loslassens.
Der Soziologe Hartmut Rosa beschreibt unsere Gegenwart als „Gesellschaft im Modus der Steigerung“. Gemeint ist damit eine Dynamik, in der wir Wachstum und Beschleunigung fast automatisch mit Fortschritt verwechseln. Immer mehr Aufgaben, Angebote, Projekte und Programme werden aufgeschichtet, bis Systeme und auch die Menschen in ihnen überfordert sind. Exnovation setzt hier einen notwendigen Gegenakzent. Sie fragt nicht zuerst, was neu entstehen soll, sondern was aufhören darf. Sie entzieht sich der Steigerungslogik und schafft Freiraum für Konzentration und Klarheit.
Man kann Exnovation als „selektive Kontinuität“ verstehen: eine Haltung, das Wesentliche fortzuführen und das Überholte zu beenden. So entsteht nicht Leere, sondern ein bewusster Raum, in dem Neues wachsen kann.
Tod und Auferstehung – die theologische Tiefenstruktur von Exnovation
Die Dynamik von Ende und Anfang ist in unserem christlichen Glauben grundlegend. Tod und Auferstehung sind keine Gegensätze, sondern aufeinander bezogene Bewegungen. Das Ende eröffnet den Raum für neues Leben, nicht als Grenze, sondern als Übergang.
Im Kirchenjahr wird diese Bewegung und Haltung für uns Jahr für Jahr eingeübt: Karfreitag steht für das radikale Ende, Ostern für die Verwandlung, für die Möglichkeit, dass aus Verlust Hoffnung erwächst, für das neue Leben. Natürlich liegt dazwischen der Karsamstag: die Zeit der Ungewissheit, der Stille, der Unterbrechung. Das zeigt, dass Exnovation kein einfaches Unterfangen für uns ist. Exnovation bewegt sich genau in diesem Zwischenraum. Sie erkennt an, dass manches vorbei ist, und hält mutig aus, dass Neues noch nicht sichtbar ist.
Exnovation ist somit kein rein organisatorischer Vorgang, sondern durchaus auch ein geistlicher Prozess. Sie fordert Mut zum Abschied und Vertrauen darauf, dass Gott in der entstehenden Leerstelle wirkt.
Meister Eckhart und die spirituelle Dimension des Lassens
Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart, auf den das deutsche Wort Gelassenheit zurückgeht, beschreibt dieses Lassen als Weg zur Freiheit. Gelassenheit bedeutet, sich selbst und das eigene Tun nicht absolut zu setzen, sondern offen zu werden für das, was Gott wirken will. Diese Haltung kann auch Organisationen prägen, die Gefahr laufen, sich im Tun zu verlieren. Sie hilft uns, aus dem Getrieben-Sein auszusteigen und die Perspektive zu wechseln: vom Machen zum Lassen, vom Produzieren zum Empfangen, vom Vollenden zum Vertrauen.
Mut zur Brache
Ein eindrückliches Bild für diesen Prozess bietet die Natur. Nach einem Sturm oder Brand bleibt zunächst Verwüstung zurück, doch bald entsteht eine Brache, die zur Keimzelle neuen Lebens wird. Pionierpflanzen besiedeln den offenen Boden, schaffen Bedingungen, in denen Neues gedeihen kann. Neue Pflanzen in neuen Konstellationen, die vielleicht viel widerstandsfähiger und gesünder sind als die vorherige Vegetation.
Auch übertragen auf das kirchliche Feld gilt: Ohne das Zulassen solcher Brachen entsteht kein neues Leben. Wenn alles weiterläuft wie bisher, fehlt der Raum für Innovation. Brachezeiten sind keine Leerläufe, sondern schöpferische Pausen, sind Sabbatschritte.
Sie ermöglichen, das Wesentliche neu zu entdecken und Wachstum zu ermöglichen.
Exnovation in der kirchlichen Praxis
Kirchliche Exnovation bedeutet nicht, alles Bestehende infrage zu stellen, geschweige denn alles zu beenden und loszulassen! Sie fragt differenziert: Welche Strukturen, Projekte oder Gewohnheiten lenken vom Kern, von unserer zugrunde liegenden Sendung ab? Wo werden Kräfte gebunden, die anderswo fruchtbarer und segensreicher wirken könnten? Und welche Abschiede sind nötig, um wieder beweglich zu werden?
Ein Beispiel: Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Illnau-Effretikon in der Schweiz hat vor einigen Jahren begonnen, ihre Arbeit regelmäßig zu überprüfen. Alle Gemeindeteams bewerteten, welche Angebote weitergeführt, welche verändert und welche beendet werden sollten. Abgeschlossene Projekte wurden nicht stillschweigend eingestellt, sondern bewusst verabschiedet, oft mit kleinen Ritualen, die Dankbarkeit und Wertschätzung ausdrückten. Dieser Prüfungsschritt wird seitdem jährlich wiederholt, sowohl in der Gemeindeleitung, als auch in den einzelnen Teams und Kreisen. So entsteht eine Kultur und Praxis, in der das Aufhören dazugehört.
Praktische Hilfen: Exmove – Werkzeuge für das gute Aufhören
Um solche Prozesse zu unterstützen, hat die Evangelische Arbeitsstelle für missionarische Kirchenentwicklung und diakonische Profilbildung (midi) das Exnovationstool exmove entwickelt. Sie bietet methodische und spirituelle Werkzeuge und Methoden, um Exnovationsprozesse selbst zu gestalten, von der Analyse über die Entscheidungsfindung bis zur Gestaltung und Kommunikation des Endes. Exmove begleitet Haupt- und Ehrenamtliche in den jeweiligen Schritten, das Material eignet sich somit für Gemeinden, Dekanate und kirchliche Organisationen, die sich bewusst mit dem Thema Aufhören und Loslassen beschäftigen wollen. Es hilft, strukturelle und geistliche Perspektiven zu verbinden und Prozesse achtsam zu gestalten. Eine Schnupperversion von exmove steht kostenfrei zum Download bereit unter: www.exmove.de.
Eine geistliche Kultur des Loslassens
Kirchliche Erneuerung braucht beides: Innovation und Exnovation. Das eine eröffnet Neues, das andere räumt auf. Erst im Zusammenspiel entsteht lebendige Transformation.
Die diesjährige Jahreslosung 2025* „Prüft alles, und behaltet das Gute“ (1 Thess 5,21) bringt diesen Gedanken auf den Punkt. Exnovation ist ein Prüfprozess, der sich nicht vom Verlust leiten lässt, sondern vom Vertrauen. Nicht alles Alte ist schlecht, nicht alles Neue gut. Aber manches Alte ist vorbei, nicht mehr segensreich und für uns zum Ballast geworden.
Exnovation bedeutet, diese Wahrheit anzuerkennen und ihr mit Haltung zu begegnen: mutig, dankbar, gelassen. Aufhören ist keine Schwäche, sondern ein geistlicher Akt. So wird das Ende zum Anfang und das Loslassen zur Voraussetzung für das, was Gott neu ins Leben rufen will.
* Der Text wurde in der Ausgabe Dezember 2025 des Newsletters Lokale Kirchenentwicklung des Bistums Hildesheim erstmals veröffentlicht.
Sandra Bils
Prof. Dr. Sandra Bils arbeitet an der Schnittstelle von Organisationsentwicklung, Wissenschaft und Theologie. Sie erforscht, wie Menschen klug durch Umbrüche gehen und welche Schritte des Loslassens nötig sind. Sie betont, dass Exnovation und Innovation nur gemeinsam Wirkung entfalten.