Lasst die Kinder zu mir kommen

Von Lea Herbert  |  Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 6-9  |  Lesezeit: 5:35 Min

Zusammen mit einer Freundin und Kollegin bin ich in der EFG Ahlen zu einem Gottesdienst samt Abendmahlsfeier eingeladen. Für das Abendmahl wurde Hefestuten oder Ähnliches kleingeschnitten. In jedes Stückchen wurde ein Zahnstocher gesteckt, vermutlich der Hygiene wegen. Das Abendmahl findet so statt, dass nacheinander Menschen vorne im Gottesdienstraum einen Halbkreis bilden, dort die Gaben (Stückchen Brot mit Zahnstocher und Einzelkelche) sowie ein biblisches Wort empfangen. Dann folgt die nächste Runde.
Beim letzten Halbkreis ist ein höchstens dreijähriges Mädchen dabei. Sie scheint nicht das erste Mal dabei zu sein. Der Pastor kniet sich herunter auf ihre Höhe, um ihr das Brot und später den Kelch zu reichen. Sie kaut genüsslich das Brot und trinkt mit noch größerem Genuss den Traubensaft aus dem Minikelch. Dann lässt sie sich von ihrer erwachsenen Begleitung den Zahnstocher wiedergeben, denn die Kennerin weiß: Wenn die Kelche eingesammelt werden, kann man den Zahnstocher einfach in den Kelch hineinlegen. Es folgt das Segenswort. Dann dreht sie sich um und mit Blick auf die Gemeinde sagt dieses junge Mädchen aus tiefstem Herzen: „Lecker!“
„Gott, ist das süß“, flüstere ich meiner Freundin zu. „Das ist Evangelium“, pflichtet sie mir bei, und ich sage: „Made my day.“ 


Sprachangebote und Raum für sinnliche Erfahrungen

Ich weiß nicht, wie sehr dieser vermutlich Dreijährigen bewusst war, dass wir gerade die Zuwendungslust Gottes zu den Menschen gefeiert und uns erinnert haben, dass Jesus in unsere Welt kam, uns konsequent bis in den Tod hinein und darüber hinaus zu Ende geliebt hat und liebt, für uns auferstanden ist und versprochen hat, wiederzukommen. Aber ich weiß: Sie hat eine sinnliche Erfahrung gemacht!
Wer möchte, dass Kinder sich Gott annähern, muss ihnen Sprachangebote und Raum für sinnliche Erfahrungen geben.
Sollte dieses Mädchen im Laufe ihres Lebens irgendwann keinen Gottesdienst mehr besuchen wollen, wünsche ich mir, dass sie sich ihr gesamtes Leben daran erinnert, wie sie als Kind gerne am Abendmahl teilgenommen hat und wie lecker das war.
Mir ist in diesem Moment das Psalmwort: „Schmeckt und seht, wie gut der Herr ist!“ tiefer ins Herz gefallen (Ps 34,9a). Anders ausgedrückt: Wenn ich versuchen würde, Psalm 34,9a in einer Szene einzubetten, ich würde diese nehmen. Die Situation hat mich beschenkt. Ein heiliger Moment. Resonanz.
Was mich daran auch berührt: Das Mädchen ist von sich aus gerne zum Abendmahl gekommen. Und da treffen wir jetzt Markus 10,13-16, das sogenannte Kinderevangelium¹. 


Das Kinderevangelium (Markus 10,13-16)

„Lasst die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht daran“, sagt Jesus dort im Markusevangelium. Was war passiert? Leute brachten Kinder zu Jesus, damit er sie segnete. Doch die Jünger wiesen sie schroff zurück. Als Jesus das merkte, wurde er zornig und sagte genau das: „Lasst die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran. Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes.“ 
Die Kinder wurden gebracht. Kinder werden so oft gebracht, beispielsweise in die Kita, in die Schule, zum Sport oder eben auch in eine Gemeinde. Jesu Aufforderung übersteigt das passive „Gebracht werden“ der Kinder. Bei „Lasst sie zu mir kommen!“ sind die Kinder aktiv beteiligt. Es kommt darauf an, dass sie von sich aus gerne kommen.
Wie kommen wir in unseren Gemeinden von einer „Bring-Kultur“ zu einer „Komm-Kultur“, sodass Kinder von sich aus gerne kommen? Das Mädchen fand das süße Brot und den Saft toll, aber auch die Erlaubniskultur, das selbstverständliche Teilhaben und Mitmachen dürfen, da bin ich mir sicher. Das Gesamtpaket stimmte. Sie wächst damit auf, dass das die normale gängige Praxis ist.
Ich freue mich immer über Gemeinden, die dem auf die Spur gehen: Wann kommen die Kinder von sich aus gerne in die Gemeinde? Für mich ist das eine Suchbewegung, etwas, was ich erkunden möchte. Und aktuell habe ich dazu mehr Fragen als Antworten. Sorry! Aber ich lerne von Jesus.
Das „Kinderevangelium“ ist wirklich beeindruckend. Es wird deutlich, wie wichtig Jesus Kinder findet, wie er sie wertschätzt und welch hohen Wert er ihnen zumisst. 
Kinder sind jetzt schon „Gottesreich-Besitzer“. Ohne Zutun. Unabhängig von Herkunft und Religion. Wer die Eltern dieser Kinder sind, die da gebracht werden, spielt im Markusevangelium überhaupt keine Rolle! Ihnen ist das Reich Gottes jetzt schon geschenkt, daran hat Jesus keinen Zweifel.
Kinder sind eine riesengroße Bereicherung. Und sie haben eine Gabe, ganz da, ganz im Moment zu sein, was Abermillionen Erwachsene versuchen, durch Achtsamkeitsübungen, Gebet, Meditation, Stille-Übungen, Hobbys, Musik und Sport auch hin und wieder mal wieder zu erlangen. Es lohnt sich, gegenwärtig zu sein, weil Gott gegenwärtig ist, durfte ich von einer Kollegin lernen. Kinder können das.
Ich lerne von diesen wunderbaren Gottesreich-Besitzern. Während zu Jesu Zeiten die Jungen ersehnter waren als die Mädchen, weil sie als „Rentenversicherung“ und Schutz für den Familienverband dienten, könnte Jesus alle Kinder nicht höher achten. Das sieht man daran: Als die Kinder gehindert werden, zu ihm zu kommen, wird er richtig zornig. Er ist entsetzt. Richtig empört. Das ist für ihn keine Randnotiz.
Laut Siegfried Zimmer wird hier in Markus 10,13-16 die heftigste Vokabel der Gefühlsregung im Neuen Testament und die zärtlichste von Jesus verwendet. Lasst die Kinder zu mir kommen. Wenn sie jemand daran hindert, ist Jesus ganz klar. Mich nimmt dies sehr für Jesus ein. Wenn Kinder schlecht behandelt werden, ist das richtig ernst!
Jesus nimmt die Kinder in die Arme. Er legt ihnen die Hände auf und segnet sie. Ganz wichtig: Er lässt sie kommen. Die Kinder kommen von sich aus! Nichts Übergriffiges. Die Kinder machen eine sinnliche Erfahrung. Segen ist Zuwendung Gottes. Gesegnet zu werden stärkt. Im Segen spricht Gott sich ihnen zu. 


Gemeinde als Segensraum

„Segen bewegt“ ist der Claim für die neue Struktur unseres Bundes, die mit dem Jahr 2027 richtig beginnen soll. Ich bin davon überzeugt: Dafür braucht es einen neuen Fokus auf junge Menschen! Gemeinde muss für sie ein Segensraum sein: geschützt, willkommen, teilhabend. Ein Raum, der Kinder als Gottesreich-Besitzer achtet.
Kinder sind Segen für uns. Sie bereichern und beleben eine ganze Gemeinde. Sie brauchen Gemeinden, die sich nicht nur wünschen, dass sie sich anpassen, sich lediglich einfügen in das, was Erwachsenen gefällt. Es braucht Gemeinden, in denen nicht alleine Erwachsene entscheiden, was für die Kinder gut und toll ist, sondern Entscheidungen mit den Kindern getroffen werden. Es braucht die Bereitschaft, Macht abzugeben und Bedürfnisse auszuloten.
Was gefällt sowohl Kindern als auch Erwachsenen? Eigentlich ist es doch oft gleich! Sinnliche Erfahrungen, Erzählungen und Sprachangebote, um sich Gott anzunähern, gegenwärtig zu sein, dazuzugehören, dabei zu sein, sich auch mal zurückziehen zu dürfen, gesegnet zu werden und vieles mehr ... Da müsste es sich doch noch mehr treffen lassen in dem, was alle bereichert. Kein Generationskonflikt, sondern eine Sehnsucht nach dem Generationsübergreifenden. Denn Segen ist nie eine Einbahnstraße. Junge Menschen sind Segen für uns und wir sollen sie segnen und Segen für sie sein.


Lasst die Kinder zu mir kommen!

Seit Anfang dieses Jahres denke ich: Wie wäre es, wenn wir zur Jahreslosung: „Prüft alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21) die Aussage Jesu: „Lasst die Kinder zu mir kommen!“ dazustellen? Wie wäre es, wenn wir uns immer zusätzlich fragen würden: „Trägt das, was wir machen, dazu bei, dass Kinder von sich aus zu Jesus kommen?“
Ich glaube, darin läge eine große Chance. Darin läge Kraft für Veränderung. Und ein großer Segen, denn Kinder bereichern und beleben eine ganze Gemeinde. Ich glaube, das wäre ein Segen der uns bewegt. Ich wünsche uns die Sehnsucht danach und den Fokus, den es dafür braucht! <

¹ Folgende Gedanken sind zum Teil inspiriert und entnommen von einem Vortrag bei „Worthaus“ vom Theologen und Religionspädagogen Siegfried Zimmer: „Jesus aus Nazareth und sein Verhältnis zu Kindern“, Worthaus 2014.
www.bing.com/videos/riverview/relatedvideo, aufgerufen am 15.09.2025 (13:00 Uhr).
 

Lea Herbert

Lea Herbert ist Leiterin des Dienstbereichs „Kinder und Jugend“ im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, verheiratet mit Christian, Mama von Zwillingen und Podcasterin. Sie begleitet Menschen und Gruppen mit ihrem Unternehmen „Kompass auf neu“