Kindertheologie
Von Simon Werner | Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 10-15 | Lesezeit: 8:04 Min
Kinder glauben.
Kinder können glauben.
Kinder können über ihren Glauben sprechen.
Kinder sind nicht lediglich die Empfänger*innen von
Glaubensweis- und -wahrheiten der Erwachsenen.
Wenn ich diese Sätze so an den Anfang stelle, dann denkt vielleicht die eine Leserin: „Na klar – wie sollte es anders sein?“ und eine andere Leserin eckt an und denkt sich: „… aber wir müssen ihnen doch beibringen, wie man richtig glaubt …“. Also könnte man fragen: Was ist die Rolle von Erwachsenen in der Arbeit mit Kindern?
Mit dieser Frage sind wir schon am entscheidenden Punkt, wenn wir von der Kindertheologie sprechen. Es geht um das eigene Nachdenken und Formulieren der Kinder im Glauben, das nicht durch bestimmte Formen und Formeln Erwachsener vorgegeben oder geprägt ist. Dieses Nachdenken und Formulieren kann von Erwachsenen in einem religionspädagogischen Kontext aufgenommen und gedeutet werden und schließlich ergänzt, differenziert und flexibilisiert werden. Es geht damit also auch um eine Verhältnisbestimmung zwischen Kindern und Erwachsenen.
Was ist Kindertheologie?
Kindertheologie1 entstand in den 90er Jahren und hat sich inzwischen in der religionspädagogischen Welt etabliert. Damit ging eine gewisse korrigierende Besinnung über die Rolle einher, die die Erwachsenen in der Glaubensvermittlung den Kindern gegenüber einnehmen.
Theologie für Kinder
Bisher war man vor allem davon ausgegangen, dass Kinder den Glauben von Erwachsenen lernen. So sah man sich in der vermittelnden Rolle und hat sich im Wesentlichen über Form und Inhalt der Vermittlung Gedanken gemacht, nicht so sehr über die eigene Rolle. Es ging um eine Theologie für Kinder. Die Rolle der Kinder war durch deren Empfangen bestimmt. Sie sollten im besten Sinne belehrt und orientiert werden. Die Rolle der Erwachsenen bestand im Wesentlichen daraus, zu wissen und pädagogisch gut zu vermitteln.
Theologie mit Kindern
Nachdem sich in verschiedenen pädagogischen Aufbrüchen das Bild von Kindern deutlich geändert hatte, hielt man auch in religionspädagogischen Fragestellungen eine Ergänzung für notwendig und es entstand das Paradigma einer Theologie mit Kindern. Dahinter verbarg sich die Überzeugung, dass ähnlich wie beim Philosophieren mit Kindern auch das Theologisieren mit Kindern als eine Art gemeinsamer und dialogischer Erkundung von Erwachsenen und Kindern angemessen zu verstehen sei, wobei nach wie vor Erwachsene den Rahmen für diese gemeinsame Erkundung schaffen. Hier können Kinder und Erwachsene gemeinsam Entdeckungen feiern und sich bereichern. Sie sind sich Dialogpartner.
Theologie von Kindern
Daraus wiederum entwickelte sich ein gewisses Staunen über die theologischen Gehalte dessen, was Kinder in diesen Interaktionen beitrugen, und man begann von der Theologie von Kindern zu sprechen2. Hier war nun die Überzeugung leitend, dass Kinder auch von sich aus eigenständige, aktive und auskunftsfähige Akteur*innen in Fragen des Glaubens sind. Die Rolle der Erwachsenen ist nun nicht mehr so stark aktiv agierend, sondern eher reaktiv impulsgebend. Mit Fragen und sehr offenen Reaktionen wird das theologische Denken und Formulieren der Kinder stimuliert, ohne es zu präjudizieren, das heißt in bestimmte Richtungen zu lenken. Die Erwachsenen lassen sich auch von den Kindern und deren Beiträgen infrage stellen und bringen das wiederum ins Gespräch ein. Kinder werden dabei als eigenständige und vollwertige Akteure im Gespräch über den Glauben verstanden.
An dieser Dreiteilung erkennt man, dass sich hinter dem Begriff Kindertheologie unterschiedliche Rollendefinitionen in einem religionspädagogischen Setting verbergen, in dem immer Kinder und Erwachsene beteiligt sind. Standardsituationen sind hier Kindergottesdienste, Religionsunterricht, Gemeinde- bzw. Konfirmationsunterricht oder auch inhaltliche Teile von Freizeiten. Das Verhältnis der Kinder und der Erwachsenen ist je nach gewählter Herangehensweise sehr unterschiedlich bestimmt.
Diese drei Verhältnisbestimmungen sind keine Alternativen zueinander (auch wenn sie an manchen Stellen so verstanden wurden). Vielmehr kann man sie in Ergänzung verstehen, die je für sich verschiedene Möglichkeiten eröffnen.
Man sieht, dass hier ganz verschiedene Verständnisse von Theologie im Spiel sind. Und auch in Gemeinden sprechen wir – vielleicht in anderen Worten, aber doch mit ähnlichem Gehalt – von diesen verschiedenen Verständnissen von Theologie. Sprechen wir im Verständnis der Theologie für Kinder von Theologie und Glaubensvermittlung, dann ist damit ein bildungsorientiertes Ziel verbunden. Kinder sollen ihr religiöses Wissen erweitern, die Glaubenstradition besser kennen. Die Theologie mit Kindern ist dialog- und gemeinschaftsorientiert und bezieht die Kinder als Teil der Gemeinschaft der Glaubenden ein. Die Theologie von Kindern schließlich ist identitätsorientiert und fördert die eigenen Denk- und Sprachprozesse der Kinder. Sie ist ein Baustein auf dem Weg zu einem mündigen Glauben.
An diesen drei unterschiedlichen Ausrichtungen – Bildungsorientierung, Gemeinschaftsorientierung und Identitätsorientierung – ist zu erkennen, dass im besten Fall alle drei Aspekte auf dem Weg der Glaubensentwicklung von Kindern (und Jugendlichen) vorhanden sind. Jede Engführung bedeutet auch eine Einseitigkeit. Traditionell gibt es aber eine bildungsorientierte Engführung, die den Kindern Stoff, also biblische Geschichten und Glaubensinhalte, vermitteln will. Deshalb widmen wir uns im nächsten Punkt eher der Identitätsorientierung und stellen die Theologie von Kindern heraus.
Die Theologie von Kindern
Wenn Erwachsene die Rollenklärung nachvollzogen haben und willens und in der Lage sind, sich auch mal in die passive Rolle der Hörenden zu versetzen, dann entsteht oft die Frage: Wie macht man das denn? Welche Methoden könnten angewendet werden? Und zugleich lässt die Formulierung „passive Rolle“ ahnen, dass sie gar nicht in Methoden zu fassen ist.
Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und lassen das folgende Gespräch auf uns wirken:
KIND (3 Jahre und 10 Monate): Wer gewinnt alle Kämpfe?
VATER: Keiner gewinnt alle Kämpfe. Manche gewinnt man, andere verliert man.
KIND: Gott gewinnt alle Kämpfe.
VATER: Na ja (zögernd), am Ende vielleicht, aber bis dahin verliert sogar er manche.
KIND: Wie kämpft Gott eigentlich? Er ist doch oben im Himmel.
VATER: Vielleicht kämpft er, indem er Menschen hilft. (Pause) Wenn Gott im Himmel ist, warum fällt er dann nicht herunter?
KIND: (lacht) Weil er zaubern kann. (Pause) Und weil er … in einer kleinen Hütte wohnt.
VATER: Und warum fällt die kleine Hütte nicht herunter?
KIND: (lacht vergnügt) Weil sie in den Wolken ist (Pause) und weil Gott macht, dass sie nicht runterfällt (Pause, es saugt geräuschvoll am Finger), weil Gott hat nämlich seine Diener, die machen, dass sie nicht runterfällt. (Pause) Sie steht auf Ziegelsteinen. (mit wachsender Sicherheit und sehr viel lebhafter) Auf großen, dicken, schweren Ziegelsteinen. Die halten sie fest.
VATER: Wirklich? Auf den Wolken?
KIND: Nein, dort auf der Erde.
VATER: Aber hast du nicht gesagt, Gottes Hütte ist in den Wolken?
KIND: Naja, reichen tut sie (betont) hoch bis in die Wolken, aber sie steht auf der Erde …3
Dieses Gespräch könnte innerfamiliär am Esstisch, beim Spaziergang, auf der Autofahrt oder sonst wo stattgefunden haben. Dafür braucht es keinen Kindergottesdienst und keine Jungschar. Aber es gibt eine Idee, wie Theologie von Kindern „funktioniert“. Es ist vor allem der durch Nachfragen und offene Interventionen provozierte Denkprozess des Kindes. Hier ist nichts richtig oder falsch, sondern das Kind wird zu eigenen „Gottesdenkprozessen“ herausgefordert. Theologie von Kindern ist zunächst eine Haltungsanfrage an die Erwachsenen und nicht als erstes eine Methodenfrage.
Selbstverständlich geschehen diese Prozesse nicht im luftleeren Raum, sondern sind abhängig von der religiösen Sozialisation, die das Kind genossen hat, und grundlegend auch von dem jeweiligen entwicklungspsychologischen Standort des Kindes.
Und doch bleibt die Frage: Wie geht Theologie von Kindern – also wie kann man Kinder zu eigenen Denkprozessen ermutigen und anregen? Wir stellen also die Methodenfrage und dabei ist zu berücksichtigen, dass sich diese gerade nicht in den informellen Situationen am Esstisch, beim Spaziergang oder im Auto stellt, sondern in der Regel in unseren formal gefassten Veranstaltungen – also im Kindergottesdienst, der Jungschar, dem Gemeindeunterricht. Und diese Veranstaltungen erfordern eine kontinuierliche Planung und auch eine innere Struktur. Sie ergeben sich nicht nur als schöner aber zufällig entstandener Moment.
Doch auch in diesen Settings ist es möglich, Phasen einzuplanen, die den Kindern assoziative Freiheit lassen und sie gleichzeitig zu eigener Aktivität herausfordern. Das kann im Zusammenhang mit vielen ohnehin eingesetzten kreativen Methoden stehen, die Kindern ermöglichen, ihre eigenen Gedanken zu entwickeln. Malen, Basteln, Rollen- und Theaterspiele, Wortspiele u. v. m. lassen die Kreativität fließen und ebenso die Gedanken. So kann als Vertiefung zur kreativen Umsetzung einer biblischen Geschichte auch das Gespräch dazukommen, das den Kindern die Möglichkeit gibt, ihre eigenen Gedanken zu artikulieren oder ihre eigene Gottesgeschichte weiterzuschreiben. Am besten geht das natürlich in recht kleinen Gruppen oder Untergruppen.
Aber nicht nur in den für Kinder vorgesehenen formal gefassten Veranstaltungen hat Kindertheologie eine Relevanz, sondern auch und gerade in den Situationen, in denen die Gemeinschaft insgesamt verbunden ist. Deshalb stelle ich die Anregung zu einem gemeinsamen Abendmahl mit Kindern an den Schluss.
Gemeinsames Abendmahl mit Kindern
Kindertheologie in dem Dreischritt für, mit und von Kindern befähigt Kinder und Jugendliche zu mündigem und sprachfähigem Glauben, der zugleich in den biblischen Texten verwurzelt ist. Daraus folgt, dass sie auch in alle unsere geistlichen Rituale einbezogen werden können. Das Abendmahl ist dafür oft ein Beispiel.
Viele Gemeinden organisieren Abendmahl so, dass die Kinder nicht dabei sind, weil es für zu langweilig, unverständlich oder einfach nicht kindgemäß gehalten wird. Und oft wird unausgesprochen auch die Qualifikationshürde angelegt, die Kinder verstünden ja noch gar nicht, was da passiert und glaubten noch nicht, deshalb sei auch das Abendmahl nichts für sie.
Ich will zu gemeinsamen Abendmahlsfeiern ermutigen, bei denen Kinder ohne Einschränkung dabei sind, von Brot und Traubensaft nehmen und ihnen der Segen zugesprochen wird. Vielleicht wird man durch das Einbeziehen der Kinder sogar kreativer in den Formen und es ist für alle nicht mehr so „langweilig“ oder „traurig“. Jesus jedenfalls nutzte die Elemente alltäglicher Versorgung, um uns damit seiner Gegenwart zu vergewissern. Seine Mahlfeiern waren inklusiv.
Wie wäre es, wenn wir Kinder an den Vorbereitungen für das Abendmahl beteiligten, mit ihnen gemeinsam das Brot backten, die silbernen Teller polierten, die Tische deckten. Wenn wir sie ahnen ließen, dass es hier um etwas feierlich Bedeutsames geht. Wenn wir mit ihnen bei der Vorbereitung ins Gespräch kämen, in ein erkundendes Gespräch, was dieses Abendmahl bedeutet und wir auch von ihren Formulierungen lernten. Wenn wir gemeinsam essen würden und vielleicht sogar als Erwachsene die Elemente der Verheißung auch aus den Händen von Kindern empfingen.
Für mich wäre das Evangelium, weil das Gegenüber von stark, wissend und bestimmend auf der einen Seite und bedürftig, schwach und unwissend auf der anderen Seite aufgehoben wäre und sich eine echte Gemeinschaft um die Verheißung bilden würde, in der alle ihre eigenen Formulierungen des Glaubens weiterentwickeln könnten – Kinder und Erwachsene.
1 Eine gute Übersicht gibt es u.a. bei Mirjam Zimmermann: Art.: Kindertheologie in: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/100020/.
2 Die Dreiteilung der Theologie für, mit und von Kindern stammt von dem Religionspädagogen Friedrich Schweitzer: Was ist und wozu Kindertheologie?, Jahrbuch für Kindertheologie 2 (2003), 9-18, 18.
3 Aus der Praxis von John M. Hull, Friedrich Schweitzer: Was ist und wozu Kindertheologie?, Jahrbuch für Kindertheologie 2 (2003), 9-18, 13f.
Simon Werner
Simon Werner lehrt als Referent für Bildung nicht nur junge Menschen, sondern lernt auch viel von ihnen.