Kinderkathedrale – eine Kirche von, mit und für Kinder
Wir entdecken. Wir machen. Wir sind.
Von Susanne Paetzold | Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 38-43 | Lesezeit: 5:45 Min
Wie wäre es, ...
... wenn Kinder im Kirchenraum Resonanzen finden?
... wenn Kinder Raum zur eigenen Gestaltung bekommen?
... wenn Erwachsene der „Weisheit der Kinder“¹ folgen und sich von ihnen inspirieren lassen?
... wenn sich Projekte, Gottesdienste und Raumgestaltungen an den Bedürfnissen der Kinder orientieren?
... wenn wir deuten, was sich ereignet, und neue Formen des Glaubens finden?
... wenn Kinder entdecken und machen und sind – im Gegenüber zu dem Gott, der sagt „Ich-bin-da“?
Und alle Generationen dürfen sein.
Kinderkathedrale – nicht immer, aber immer öfter – ist ein Projekt auf Zeit | kann klein beginnen | vernetzt Menschen | der Raum prägt | orientiert sich an Ressourcen | beteiligt Kinder.
Kinderkathedrale – der Name ist Programm!
Die Perspektive der Kinder mit ihren Bedürfnissen² prägen die Gestaltung des Raumes und das Programm. Kinderkathedrale heißt für uns: mit Kindern den besonderen Raum entdecken, Glaubensspuren wahrnehmen, ins Spiel bringen und neue Erfahrungen mit und im Kirchenraum machen. Auf dem Weg zur Kinderkathedrale sind Kinder im Vorfeld eingebunden. Kinderkathedrale ist Kirche von, mit und für Kinder!
Kinder brauchen Erfahrungsräume (das erforscht Armin Krenz²), und ein Kirchenraum bietet besondere immersive („eintauchende“) Erfahrungen. Hier ist ein Programm möglich, das es an anderen Orten schwer hat.
So beginnt der Prozess der Entwicklung einer Kinderkathedrale mit den sinnlichen Wahrnehmungen der Qualitäten des Raumes. Die Ästhetik des Raumes bietet zugleich erste Spuren für Entdeckungen, kreative Bewegungen mit Materialien und gibt Impulse für ein Ausstellungsdesign.
Erlebnisraum
„Wie seid ihr eigentlich auf Gott gekommen?“,
fragt Shawn, 9 Jahre, als er das erste Mal eine Kirche besucht.
Wie erzählt der Raum von Gott? Welche Erfahrungen der Menschen mit Gott sind hier gespeichert und finden in der Liturgie ihren Ausdruck? Entsprechen die Ausstattungsstücke noch den aktuellen liturgischen Vollzügen? Wie wird Glaube erfahrbar?
Interaktive Erlebnisinseln und Führungen lassen Kinder den Raum erspielen und im Raum spielen. Gestaltete GebetsOrte öffnen den Raum zum Beten, an kreativen Segenstationen erfahren Kinder Zuspruch, biblische Geschichten sind inszeniert und verbinden sich mit ihren Fragen.
Der Kirchturm mit seinen engen Steigen, den Glocken und dem Ausblick ist ebenfalls ein besonderes Erlebnis.
Die Feier eines Gottesdienstes oder eines Abendgebetes sind besondere Erlebnisräume, denn dafür ist der Raum gemacht. Interessant ist es, wenn die Formate im Raum wandern. Die andere Perspektive lässt einen anderen Klang entsteht, öffnet für neue Handlungen und drückt Beziehungen aus.
Spielraum
„Das Tollste war, das ich in der Kirche laufen durfte und laut sprechen“,
erklärt Matti beim Fest der Sinne.
In der Kirche ist viel Platz. Manche Vierung ist größer als ein Fußballfeld. Der Raum bietet Säulen und Bänke zum Verstecken. Lange Gänge laden ein zum Laufen. Vor dem Altar ist Platz zum Tanzen. Der Altarraum bietet eine Bühne für Theater und Musicals. In Bänken kann ein Geschichten- und Bewegungsparcours entstehen. Bänke können überbaut werden und eine neue Ebene entsteht. Bänke können entfernt werden und ein neuer Raum entsteht.
Nach der Raumwahrnehmung können Spielorte definiert und gestaltet werden.
Klangraum
„Das klingt so schön!“ (Emma, 6 Jahre).
Es ist ein besonderer Klangraum. Das wird deutlich und hörbar, wenn Kleinkinder den Raum mit ihrer Stimme erforschen. In der Kirche ist die Orgel ein markantes Instrument. Orgelentdeckertage sind ein bewährtes Format. Darüber hinaus lassen sich mit Kindern Chorprojekte entwickeln oder eine Musikschule initiieren. Kooperationen mit Kirchenmusiker:innen oder Klangexpert:innen sind denkbar und immer ein guter Programmpunkt. Kinder brauchen auch Stille. Im Kirchenraum lassen sich stille Momente kraftvoll inszenieren.
Themenraum
„In einer friedlichen Welt gibt es keine Mauern“,
weiß Fara, 10 Jahre, beim Bauprojekt Friedliche Welten.
Neben allen Prägungen des Kirchenraumes, lassen sich Themen ins Spiel setzen. In der ersten finnischen Kinderkathedrale waren biblische Geschichten mit Erzählfiguren inszeniert. Eine Kinderkathedrale zu Passion und Ostern, zu Verbundensein in Christus, zu Frieden oder Liedtitel können ihre Gestallt finden.
Essen in der Kinderkathedrale
„Das hast Du nicht gekocht! Das gibt es bei mir zu Hause!“,
erklärt Mahdi, 9 Jahre, beim Blick auf das Buffet mit syrischem Fingerfood.
Kinderkathedrale ist Nahrung für den Körper und die Seele. Im Vollzug der Projekte wird deutlich, wie wichtig Essen in der Kirche ist. Das Abendgebet beim Abendbrot am Freitag hat sich als Favorit der Familien herausgestellt. Gemeinsam ins Wochenende gehen, erzählen und spielen. Der kleine Imbiss nach dem Gottesdienst war eine Wohltat für alle Menschen, die sonntags allein zu Hause sitzen. Das Buffet der syrischen Küche, gekocht von Geflüchteten in der Bibelerzählnacht, sorgte für interessante Themen unter den Besucher:innen. Immer stand den Besucher:innen Wasser und Obst bereit. Für Großveranstaltungen zu kochen hatte ebenfalls eine tiefe Wirkung.
Kinderkathedrale lebt von Beteiligung
„Jetzt ist es Kunst!“, erklärt Patrick, Künstler vom Atelier Wilderers, beim Kunstprojekt in den Ferien. (Atelier Die Wilderers vom proTeam Himmelsthüer: www.pth-himmelsthuer.de/arbeit-und-beruf/kunstatelier-wilderers)
Für ein temporäres Projekt lassen sich Menschen leicht zur Mitarbeit gewinnen. Als Kooperationsparter:in für eine konkrete Aktion oder als helfende Hände am Rande von Veranstaltungen. Kinder lassen sich ebenfalls zur Mitarbeit ansprechen.
Auf dem Weg zur Kinderkathedrale wären auch zuerst die Kinder zu befragen. Das kann ganz einfach eine Frage sein oder ein Workshop, in dem die Kinder selber Themen und Gestaltungen erarbeiten. Beteiligungsprojekte mit Kindern im Vorfeld sind ein wichtiger Schlüssel für das Gelingen einer Kinderkathedrale. Und wenn sich noch niemand beteiligen lässt, dann ist es vielleicht noch nicht der richtige Zeitpunkt!
An vielen Orten
Seit mehr als 20 Jahren bewegen Menschen Ideen zur Kinderkathedrale. Inzwischen sind Kinderkathedrale, Erlebnis-, Kinder- und Familienkirchen bundesweit entstanden. Manche als temporäres, wiederkehrendes Projekt und manche Kinderkathedrale ist verstetigt. Manche Kinderkathedrale lebt durch die Anbindung an die Kita und manche Kinderkathedrale ereignet sich auf dem Kirchentag. In evangelischen und katholischen Gemeinden bewegt sich viel. Die Homepage www.kinderkathedrale.de möchte die Vielfalt sichtbar machen.
Auf dem Weg zur eigenen Kinderkathedrale
In einem ErlebnisRaum-Seminar vor Ort bewegen sich Interessierte aus der Gemeinde bzw. der Region miteinander im Kirchenraum und entdecken seine Wirkungen.
• Welche Atmosphäre spüre ich?
• Welche theologische Grundmelodie schwingt und klingt an?
• Welche biblische Geschichte will erzählt werden?
• Welche Entdeckungen überraschen?
Es wachsen erste Gedanken zur Entwicklung einer eigenen Kinderkathedrale: Gestaltung des Raumes, liturgische Formen und Möglichkeiten für ein Programm.
Arbeitshilfe Kinderkathedrale: Erfahrungen – Grundlagen – Impulse
Eine finnische Idee wird zum Reformationsjubiläum wirklich in Hildesheim. „Kinderkathedrale 2017“ ist ein Projekt auf Zeit, bietet in besonderer Weise Möglichkeiten der Beteiligung und wirkt in die Stadt hinein. Das Beispiel der St. Lamberti Kirche in Hildesheim soll anregen, an anderen Orten ein eigenes Projekt „Kinderkathedrale“ zu wagen. In 7 Kapiteln werden die Erfahrungen dokumentiert, Grundlagen benannt und Impulse wollen Anstoß geben.
Kinderkathedrale wirkt …
… bei den Kindern. Manches Lied wurde zu Hause gesungen und in der Begegnung mit dem Kirchenraum werden unvergessene Momente gespeichert sein.
… in den Stadtteil – in die Region. Die kommunale Nachbarschaft lässt sich einladen.
… in die Gemeinde. Viele kreative Menschen sind bei der Gestaltung beteiligt. Der GebeteOrt ist nicht nur für Kinder ein Ort zum Beten. Wenn das Kinderprogramm endet, ist Raum für Veranstaltungen für Erwachsene.
… bei den Mitarbeitenden. Durch das gemeinsame Projekt miteinander verbunden und Ideen für eine nächste Spielzeit.
… in die Schule. Das Projekt ist ein Anlass zur Zusammenarbeit von Schule und Gemeinde. Sinnstiftende Beteiligung, Erinnerungs- und Begegnungskultur im Viertel von Kindern gestaltet.
…in die Ökumene. Ein Martinsumzug von einem Ort zum anderen, Gottesdienste gemeinsam gestalten oder eine Lange Nacht der Kirche, in der die Menschen pilgern von Ort zu Ort.
… in die Familie. Es kommen unmittelbar Fragen nach der nächsten Kinderkathedrale.
1 Udo Baer, Die Weisheit der Kinder, Wie sie fühlen, denken und sich mitteilen, Klett-Cotta Verlag 2. Aufl.2019
2 Armin Krenz, Kinder brauchen Seelenproviant – Was wir ihnen für ein glückliches Leben mitgeben können, München 5. Aufl. 2008
Susanne Paetzold
Susanne Paetzold ist Diakonin und arbeitet als Referentin für Kindergottesdienst im Michaeliskloster Hildesheim, Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik, Ev.-luth. Landeskirche Hannovers