Kinder und Schule. Fragen an eine Lehrerin

Von Marie-Katrin Schröder  |  Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 28-31  |  Lesezeit: 3:35 Min

Meine Schulzeit begann im Wendejahr 1989 in Sachsen-Anhalt. Gleich nach der Ausbildung zur Studienrätin in Brandenburg für Spanisch und ev. Religion ging ich an eine Grundschule in Berlin Lichtenberg, wo ich vor allem die 5. und 6. Klassen in Mathe, NaWi und Kunst unterrichte. 

Wie geht es dir als Lehrerin im „System Schule“?

Bürokratie, Digitalisierung, zu viel oder zu wenig Ausgaben, Schüler, Eltern, Direktoren … Wenn man an „Schule“ denkt, findet sich wohl einiges zu bemängeln. Wenn ich meinen Job jedoch mit anderen Berufen vergleiche, bin ich sehr froh über meine Stelle als Lehrerin!
Die objektiven Vorteile liegen auf der Hand. Aber auch subjektiv betrachtet, bin ich sehr zufrieden: Ich mag meine Klassen und mein Kollegium. Die Eltern sind überwiegend sympathisch oder zumindest „handlebar“. Meine Arbeit gibt mir neue Impulse und Sinn.
Ich konzentriere mich auf das Positive, nehme nicht alles allzu ernst und weiß, dass ich nicht jedes Kind retten kann und muss. Ich kann meine Schüler und Schülerinnen auf ihrem Weg durchs (Schul-)Leben ein Stück weit begleiten und ihnen in gewisser Weise vielleicht etwas Gutes mitgeben. Das motiviert mich!
Ob ich das in zehn Jahren immer noch so empfinde, wird sich zeigen, denn dass der Beruf sehr kräftezehrend sein kann, habe ich schon bei einigen Kollegen und Kolleginnen miterlebt.

Was hat sich im Laufe der letzten Jahre in der Schule verändert?

Ich bin mittlerweile seit über zehn Jahren an meiner Schule und habe den Eindruck, dass sich bei den Klassen im Großen und Ganzen nicht grundlegend viel verändert hat. Die meisten Grundschulkinder sind nach wie vor aktiv, einigermaßen neugierig und begeisterungsfähig. Sie sind und bleiben ein bunt gemischter Haufen von Individuen – die eine so, der andere so! Diese Vielfalt verspricht Abwechslung.

Abgesehen davon bemerke ich natürlich, dass viele Kinder – pauschal formuliert – weniger können und aushalten als früher: Die Aufmerksamkeitsspanne ist kurz, Alltagswissen und Wortschatz schrumpfen, körperliche Geschicklichkeit und Aktivität sind bei den meisten in den Hintergrund getreten. Oft sind die Kinder unselbstständiger und unsicherer, als ich das zum Beispiel aus meiner Kindheit kenne. Aus unterschiedlichsten Gründen nutzen viele bereits therapeutische Hilfen.

Es haben sich aber nicht nur die Kinder verändert, sondern auch die Eltern und die Lehrkräfte. Hier kann es ganz unterschiedliche Extreme geben: Eltern, die ihren Kindern alles abnehmen, sie vor jeder negativen Erfahrung „schützen“ wollen, überbesorgt oder überkontrollierend handeln. Auf der anderen Seite kann man Wohlstandsverwahrlosung und Vernachlässigung beklagen. Es gibt Kinder, die auf sich allein gestellt sind, Familien, die nicht zusammen essen und bei denen mehr Zeit mit digitalen Medien verbracht wird als miteinander. Viele Kinder gehen nach der Schule nicht mehr raus, haben nur wenig Freunde und so weiter … Das Vertrauen der Eltern in die Arbeit des Lehrers hat bei manchen abgenommen, Kritik und Beschwerden oder gar Beleidigungen sind häufiger geworden.

Womöglich geht diese Entwicklung teilweise einher mit Veränderungen, die ich im Kollegium beobachten kann: Bestand ein Großteil der Lehrerschaft zu Beginn meiner Arbeit noch aus alten Lehrern und Lehrerinnen mit DDR-Wurzeln, hat sich das Kollegium innerhalb der letzten 15 Jahre zu 80 Prozent ausgetauscht und stark verjüngt. Wir haben viele Kollegen und Kolleginnen, die – wie ich – fachfremd unterrichten; außerdem viele Quereinsteiger und Quereinsteiger­innen und weiteres Personal, das unsere Schule am Laufen hält.

Mit neuen Kollegen und Kolleginnen kommt immer auch neues Potential zu uns. Mitunter sind es tolle Menschen, die aus Wissen­schaft, Forschung oder ihrem langweiligen Büro­job bei uns nun absolut richtig sind. Der Männer­anteil ist deutlich gestiegen, der Geräuschpegel in den Klassenräumen und auf den Fluren leider auch. Der Umgang mit den Schülern und Schülerinnen ist weniger konsequent als früher. Ihnen wird manchmal zu wenig zugetraut und oft zu viel abgenommen. Es wird weniger gelernt und dafür mehr Zeit benötigt.

Hinzu kommt, dass ehemals grundsätzliche Regeln, die wir Lehrer und Lehrerinnen den Kindern vorgelebt haben, nicht mehr selbstverständlich sind. Es gibt mittlerweile Lehrkräfte, die mit einer Tasse Kaffee in der Hand in den Unterricht gehen, die mit Basecap oder Wollmütze am Lehrertisch sitzen oder in den Pausen mit ihren Handys beschäftigt sind, während sie vor ihrer Klasse sitzen. Der legere Umgang mit Handys und PCs im Unterricht wurde bereits mehrmals von Eltern bemängelt. Weitere berechtigte Kritik kam von Eltern, die die Gestaltung und Umsetzung von Vertretungsstunden bemängelten.
Die Qualitätsstandards sind also leider, trotz vieler kompetenter und engagierter Neuzugänge im Kollegium, insgesamt gesunken.

Was macht Schule heute mit Kindern?

Nichtsdestotrotz bleibt Schule ein überaus wichtiger und positiver Bestandteil im Leben der Kinder. Neben Lesen, Rechnen und Schreiben lernen sie hier vor allem auch, wie es ist, Freunde zu haben, und was es heißt, selbst Freund zu sein. So wie Kinder das im Idealfall natürlich auch zu Hause und in der Kita lernen, bietet auch die Klassengemeinschaft einen geeigneten Raum für soziales Lernen – sowohl für die Einordnung innerhalb einer Gruppe als auch für die individuelle Entfaltung.
Oft kommt es vor, dass Schüler und Schülerinnen die eine oder andere Erfahrung zum ersten Mal im Rahmen des Klassenverbands machen, zum Beispiel selbst etwas zu backen, zu kochen, zu planen, gemeinsam zu essen, Zug zu fahren, zu diskutieren oder Schwimmen zu lernen. Auch das Erleben von Krisen und wie man mit ihnen umgeht, sehe ich als wichtiges Lernziel, das innerhalb einer Klasse altersgerecht erworben werden kann.

Welche Auswirkungen hat das Lebensfeld „Schule“ für die Arbeit mit Kindern in Kirche und Gemeinde?

Ähnlich wie mit der Arbeitsstelle für uns Erwachsene ist es mit der Schule für unsere Kinder: Sie ist ein Ort, an dem sie – idealerweise – ein positives Miteinander bewirken und erleben, an dem sie sich willkommen und sicher fühlen, wo sie sich einbringen können und Flow-Erlebnisse haben. Neben der Familie, dem Freundeskreis oder Verein ist die Schule ein Lebens- und Erfahrungsraum, auf den die Kinder im Kindergottesdienst immer wieder zu sprechen kommen. Wenn Kinder die biblischen Geschichten in ihre aktuelle Lebenswelt übertragen, erwähnen sie häufig Situationen, die sie in der Schule mit den Menschen dort gemacht haben. Die ganze Gefühlspalette kann hier bedient werden. 
 

Marie-Katrin Schröder

Marie-Katrin Schröder ist Grundschullehrerin, lebt mit ihrem Lebensgefährten und zwei großen Schulkindern im Berliner Wedding und ist Mitglied der dortigen Baptistengemeinde.