Kinder auf der Flucht. Seenotrettung im Mittelmeer
Von Annika Schlingheider | Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 32-37 | Lesezeit: 6:55 Min
Ich stehe an der Reling des Rettungsschiffes Humanity 1, einem der Bündnisschiffe von United4Rescue. Neben mir steht der junge Elyas aus Eritrea (Name zum Schutz der Person geändert!). Wir sagen nichts, wir schauen auf die weiten blauen Wellen des Mittelmeers. Harmlos sieht das Meer aus. Doch Elyas und ich wissen, dass der Schein trügt. Gestern noch um diese Zeit war Elyas auf einem völlig überladenen Holzboot, das manövrierunfähig auf den Wellen trieb. Zusammen mit mehr als 100 weiteren Personen war er dort, viele davon Kinder und Jugendliche – wie er. Verzweifelt waren sie, schon mehr als zwei Tage auf See. Sie beteten, viele glaubten nicht mehr an eine Rettung. Weite Wege hatten sie bereits hinter sich, geflohen aus Ländern wie Eritrea, Somalia und dem Sudan. Jetzt steht Elyas neben mir, im Hintergrund spielt ein Kind mit Seifenblasen.
Das Mittelmeer: die tödlichste Grenze der Welt
Über 50 Millionen Kinder sind laut dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen in diesem Jahr weltweit auf der Flucht. Sie flüchten vor Krieg, Gewalt, politischer Verfolgung, der Rekrutierung als Soldatinnen und Soldaten, Zwangsheirat und Not. Sie flüchten mit ihrer Familie oder ganz allein. Ihr Weg ist gefährlich – wie der von Elyas.
Das Mittelmeer ist weiterhin die tödlichste Grenze der Welt – in den letzten Jahren ist hier laut UNICEF durchschnittlich ein Kind pro Tag ertrunken. Zahlen und Fakten, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen, wenn man sich vor Augen führt, was sie im Einzelfall bedeuten. Auch in Deutschland wird oft übersehen, dass fast jede dritte Person, die einen Asylantrag in Deutschland stellt, unter 18 Jahre alt ist.
Auf den alten Holzplanken der Humanity 1 kreuzen sich für einen kurzen Moment die Lebenswege vieler geflüchteter Kinder und Jugendlicher – auch mit meinem.
Zum dritten Mal war ich in diesem Jahr in einem Seenotrettungseinsatz. Zusammen mit einer 28-köpfigen Crew war ich ehrenamtlich als Schutzbeauftragte an Bord. Meine Aufgabe ist, mich um die unbegleiteten Minderjährigen zu kümmern, Familienstrukturen zu erfassen und mit Hilfsorganisationen an Land zu kommunizieren, um einen guten Übergang an Land für die Geretteten und insbesondere für Kinder und Familien zu organisieren.
Ich habe schon in verschiedenen Fluchtkontexten gearbeitet, aktuell bin ich Referentin für Flucht und Migration bei der Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes. Dennoch ist es jedes Mal aufs Neue schockierend, Menschen, darunter Müttern und jungen Menschen, in die Augen zu schauen und sie sagen zu hören, dass die Flucht über das Meer für sie sicherer war als das Leben an Land.
„Wie ist das so auf einem Rettungsschiff?“, werde ich oft gefragt. Es ist schwer, dies in wenigen Worten zu beschreiben. Auf der Humanity 1 wird in sechswöchigen „Rotations“ gearbeitet, das heißt eine Crew ist jeweils für sechs Wochen zusammen an Bord. Die Anfangszeit ist von zahlreichen Trainings geprägt. Diese reichen von Sicherheitstrainings im Falle eines Feuers an Bord über die Abläufe an Deck, wenn Gerettete an Bord sind (Wie organisiert man eine Essensausteilung für über 200 Personen auf einem Schiff?), bis hin zu verschiedensten medizinischen Notfallszenarien. Die Professionalität, mit der die zivilen Seenotrettungsorganisationen arbeiten, beeindruckt mich immer wieder.
Gleichzeitig macht es mich traurig und wütend zu sehen, dass es sie überhaupt geben muss. Denn der Grund, warum zivile Seenotrettungsschiffe mit vielen Ehrenamtlichen im Einsatz sind, ist, dass die staatlichen Stellen die Menschen nicht retten, obwohl dies eigentlich ihre Aufgabe wäre.
Nach Abschluss der Trainings brechen wir in das Einsatzgebiet auf. Dort kommt es dann zu Rettungseinsätzen, wie dem, bei dem ich Elyas begegnen durfte.
Wie läuft eine Rettung ab?
Als unser Ausguck am Tag zuvor Alarm schlug, war sofort klar: Die Situation ist hochgefährlich. Das Boot ist völlig überladen und liegt instabil im Wasser. Jeden Moment kann es kentern. Das wäre der worst case.
Sobald Menschen im Wasser sind, bleiben nur wenige Minuten, vielleicht Sekunden, um sie zu retten. Die Menschen tragen in der Regel keine oder nur behelfsmäßige Rettungswesten und viele können nicht schwimmen.
Außerdem hat diese Art von Holzboot meistens ein Unterdeck, in dem oft viele Menschen zusammengepfercht ausharren, mit wenig Sauerstoff – und vielen Abgasen. Oft können Menschen aus diesen Unterdecks nur noch tot geborgen werden.
All das schießt mir durch den Kopf, als ich an Deck der Humanity 1 stehe, während unsere Schnellboote zu Wasser gelassen werden. Es ist eine unwirkliche Szene: Ein atemberaubender, rosa-orange leuchtender Sonnenuntergangshimmel erstreckt sich über dem Mittelmeer, während das kleine Holzboot auf den immer dunkler werdenden Wellen hin- und hergeworfen wird. Das Wetter wird zunehmend schlechter, selbst auf unserem großen Schiff muss ich mich an der Reling festhalten, um nicht umzufallen. Ich höre die Hilferufe der Menschen bis auf unser Deck auf der Humanity 1.
Es beginnt eine schwierige Rettungsaktion, bei der Leben und Tod nah beieinander liegen. Unsere RHIBS (Rigid-Hulled Inflatable Boat) nähern sich dem Boot von zwei Seiten. Das soll verhindern, dass die Menschen das ohnehin schon instabile Boot durch Bewegungen weiter ins Ungleichgewicht bringen. Wir zittern mit, während unsere RHIB-Crew die Menschen einen nach dem anderen vom Holzboot herunterholt. Zwei Personen fallen bei hohem Wellengang ins Wasser. Zum Glück können sie von unserem erfahrenen Team schnell aus dem Wasser gezogen werden.
Nach zweieinhalb Stunden, die endlos erscheinen, sind 125 Menschen, Frauen, Männer, Kinder, bei uns an Bord der Humanity 1. Drei von ihnen sind sehr schwach und müssen medizinisch betreut werden. Aber sie sind sicher bei uns an Bord. Alle. Mir läuft es kalt den Rücken herunter, als ich mir vorstelle, was mit diesen Menschen gewesen wäre, wenn in dieser Nacht keine Hilfe gekommen wäre.
Es sind herzzerreißende Szenen, die sich nach der Rettung an Deck abspielen: Viele der Menschen fallen auf die Knie, beten, danken. Dieses Mal kommen viele von ihnen aus Eritrea, Äthiopien/Tigray, Sudan, Somalia und Ägypten. Die Kriege und Konflikte dieser Welt spiegeln sich in den Menschen auf diesem Deck wider: Einige der Eritreerinnen und Eritreer haben einlaminierte, bunt gedruckte Bilder von Jesus, Maria oder Heiligen dabei. Jetzt halten sie sie in die Höhe, küssen sie. Egal in welchem Glauben, dies ist ein Moment der Dankbarkeit, der Gebetserhörung.
Es ist jetzt fast Mitternacht. Die Menschen haben von uns wie immer Wasser, eine Decke, trockene Kleidung, Waschzeug und etwas zu essen bekommen. Auf unseren zwei Decks haben wir dünne Gummimatten ausgerollt. Dort auf den Holzplanken liegen die Menschen dicht an dicht, in graue Decken eingerollt, und versuchen zu schlafen. Frauen und kleine Kinder haben an Bord der Humanity 1 einen eigenen Raum mit Stockbetten, um ihnen einen besonderen Schutzraum zu geben.
Die Situation von Frauen und Kindern an Bord
In diesem Raum sitze ich am nächsten Tag gemeinsam mit den geretteten Frauen. Eine versucht, ihre kleine Tochter auf dem Schoß zu halten, die trotz aller Schwere lacht und versucht, aus dem Zimmer herauszukrabbeln. Viele der Frauen sind jünger als ich und mussten doch weitaus mehr ertragen, als ich mir vorstellen kann. Viele flohen aus ihren Heimatländern vor Krieg, Gewalt, Zwangsverheiratung. Viele von ihnen wurden in Libyen gefoltert, vergewaltigt, eingesperrt. Die Ärztin bei uns an Bord ist oft die erste, die sie seit Langem sehen.
Ich bin immer wieder überwältigt von der Stärke vieler Frauen, denen ich auf dem Mittelmeer begegnen darf. Da war zum Beispiel Rose (Name zum Schutz der Person geändert!), die schwanger zu uns an Bord kam, von Vergewaltigungen in Libyen berichtete und trotzdem diejenige war, die alle motivierte, jetzt zusammen Italienisch zu lernen. Diese Frauen haben Hoffnung. Wie sollte ich sie da nicht haben?
Wichtig sind auch die alarmierenden Zahlen von Kindern, die ohne Begleitung ihrer Eltern als „unbegleitete Minderjährige“ über das Mittelmeer kommen. Allein 2024 kamen mehr als 8.000 unbegleitete Minderjährige über das Mittelmeer nach Italien. Auch bei dieser Rettung haben wir viele von ihnen an Bord – wie Elyas. Manche von ihnen sehen nicht älter als 13 oder 14 Jahre alt aus. Sie sind Teenager wie so viele auf der Welt, mögen Musik und sind auch an Deck fast nur in Gruppen zu finden.
Aber als ich mich hinsetze, ein Bilderbuch aus dem Bücherregal nehme und darin blättere, kommen ein paar von ihnen zu mir. Sie blättern mit mir die Seiten um und freuen sich darüber, ein neues Tier auf jeder Seite zu entdecken. Man merkt: Es sind Kinder, die hier allein über das Mittelmeer kommen. Es zerreißt mir das Herz, mir vorzustellen, wie viele von ihnen es nicht schaffen, und wie sehr diejenigen, die diese Überfahrt überleben, sich nach ihren Familien sehnen müssen. Allein in einem fremden Land. An Bord versuchen wir, den Kindern und Jugendlichen wenigstens einen Moment der
Sicherheit und eine Atempause zu ermöglichen. Neben Hilfe durch das medizinische Team und einer Psychologin oder einem Psychologen, organisieren wir so gut es geht kindgerechte Angebote wie Malen, Bewegung, Spiele und Musik. Es ist nicht viel, aber es kann einen großen Unterschied machen. Tatsächlich habe ich oft das Gefühl, dass beim gemeinsamen Essen, Basteln und Sport an diesem widersinnigen Ort ein kleines Gemeinschaftsreich Gottes entsteht, das über Herkunft und Sprache hinweg verbindet.
Elyas hat bis jetzt noch kein Wort zu uns über die Lippen gebracht. Doch jetzt dreht er sich plötzlich zu mir um, blinzelt und sagt auf Englisch: „I am happy.“
Was kann man tun?
„Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt.“
Diesen Satz sagte Pastorin Sandra Bils auf dem Kirchentag 2019 in ihrer Abschlusspredigt. Damit legte sie den Grundstein für die Gründung von United4Rescue – gemeinsam Retten e.V. Der Verein unterstützt die zivile Seenotrettung dort, wo am dringendsten Geld benötigt wird.
Spenden helfen, denn ohne finanzielle Unterstützung kann kein Rettungsschiff in den Einsatz gehen. Mehrere Schiffe wurden bereits maßgeblich mitfinanziert und sind somit Bündnisschiffe von United4Rescue, zum Beispiel die Humanity 1. Gleichzeitig macht ein Bündnis von mittlerweile fast 1.000 Kirchengemeinden, Vereinen, Unternehmen, Städten und Organisationen die breite gesellschaftliche Unterstützung für die Seenotrettung sichtbar. Hier können noch viele weitere Organisationen Bündnispartner werden.
Auch lokal kann man sich engagieren: SOS Humanity hat zum Beispiel an zahlreichen Orten Lokalgruppen, denen man sich anschließen kann. Auch Aktionen wie eine Pilgerreise, ein Weihnachtsbasar, ein Benefizkonzert oder Filmabend: Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, aktiv zu werden und etwas zu verändern.
Was mir außerdem wichtig ist: Die Menschen, die auf See gerettet werden, sind die gleichen, denen wir später in unseren Städten, Dörfern oder an unserem Küchentisch begegnen können – nur an einem anderen Punkt ihres Weges. Ein nettes Wort an der Supermarktkasse, jemanden mit in den Sportverein nehmen – wenig kann oft viel verändern.
„Ich war ein Fremder bei euch, und ihr habt mich aufgenommen“ (Matthäus 25,35). So sagt es Jesus. Letztendlich sitzen wir alle im selben Boot.
Weiterführende Informationen gibt es zum Beispiel hier:
United4Rescue: https://united4rescue.org/
Zivile Seenotrettung im Mittelmeer - SOS Humanity: https://sos-humanity.org/
Bericht von SOS Humanity (2025): Grenzen der (Un)Menschlichkeit: https://sos-humanity.org/publikationen-berichte/bericht-externalisierung/
Annika Schlingheider
Annika Schlingheider ist Referentin für Flucht und Migration bei der Kinderrechtsorganisation Terre des Hommes und hat schon in vielen verschiedenen Fluchtkontexten gearbeitet.