200 Jahre Sonntagsschule
Von Volkmar Hamp | Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 44-48 | Lesezeit: 5:22 Min
Persönliche Vorbemerkungen
Als ich ein Kind war, hieß der Kindergottesdienst in meiner Heimatgemeinde noch Sonntagsschule. Wie in den meisten Baptistengemeinden dieser Zeit. In der Sonntagsschule lernte ich die Geschichten der Bibel kennen. Hier machte ich mit Kinderliedern und Gebeten die ersten Schritte im Glauben. Und später, als ich ein Teenager war, folgten hier die ersten Erfahrungen mit ehrenamtlicher Mitarbeit in der Gemeinde. Neben dem Elternhaus hatte auch die Sonntagsschule (und später die Jugendgruppe) eine große Bedeutung für meine religiöse Sozialisation. Mehr jedenfalls als Kita oder Schule.
Als sich das Gründungsdatum der Sonntagsschule in Deutschland am 9. Januar 1975 zum 150. Mal jährte, war ich zehn Jahre alt. Ob das damals gefeiert wurde, weiß ich nicht mehr. 25 Jahre später, zum 175. Geburtstag der Sonntagsschularbeit in Deutschland, war ich gerade zum Referenten für die Arbeit mit Kindern in die Bundesgeschäftsstelle des Gemeindejugendwerks in Elstal berufen worden. Eine der ersten Aufgaben dort war, Material für das anstehende 175-jährige Sonntagsschuljubiläum vorzubereiten.
So erschienen im Jahr 2000 zwei inzwischen vergriffene Materialhefte zu „175 Jahre Sonntagsschule“:
• Kurt Jägemann, Hinsehen und Handeln. Die Gründung der Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg 1825. Entwicklungslinien im 19. Jahrhundert. Mit einem Beitrag zu Perspektiven der Sonntagsschul- und Kindergottesdienstarbeit im 21. Jahrhundert von Volkmar Hamp. Hrsg. vom Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R., Berlin 2000.
• Volkmar Hamp (Hrsg.), 175 Jahre Sonntagsschule – Wir feiern mit! Ein Materialheft zum 175-jährigen Jubiläum von Sonntagsschule und Kindergottesdienst in Deutschland mit Informationen, Spielszenen, einem Gottesdienstentwurf zum Thema und vielen Praxisideen zum Mitfeiern vor Ort. Hrsg. vom Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R., Berlin 2000.
Was die historische Perspektive betrifft, also den Blick zurück auf die Anfänge der Sonntagsschularbeit in Deutschland, sind diese Materialhefte immer noch eine Fundgrube. Manches daraus ist in das Material zum GJW-Sonntag 2025 eingeflossen, das auf der Homepage des Gemeindejugendwerks zum Download zur Verfügung steht (https://www.gjw.de/material-publikationen/material-suchen/download/200-jahre-sonntagsschule).
Aber auch die Folgerungen, die damals aus dem Blick zurück für die Zukunft der Arbeit mit Kindern in Kirche und Gemeinde gezogen wurden, haben heute noch ihre Berechtigung.
So hat der (inzwischen verstorbene) Hamburger Pastor Kurt Jägemann vor 25 Jahren seine Darstellung der Gündungsgeschichte der Sonntagsschularbeit in Deutschland mit einem gewollt doppeldeutigen Satz beendet. Dieser Satz lautete:
„Wenn wir das Gleiche tun, was unsere Väter taten, dann tun wir nicht das Gleiche!“ (Hinsehen und Handeln 48).
Vielleicht überlegen wir zum 200-jährigen Sonntagsschuljubiläum in diesem Jahr noch einmal, was wir heute anders machen müssten, um wenigstens annähernd das Gleiche zu tun wie unsere Väter (und Mütter) im Glauben damals. Nämlich so hinzusehen und zu handeln, dass das, was wir tun, die Not von Kindern wendet und ihnen zum Leben und Glauben hilft!
Die erste Sonntagsschule in Hamburg gegründet ...“ (1825)
Interessanterweise beginnt die Arbeit mit Kindern im deutschen Baptismus schon eine ganze Weile bevor 1834 die erste Baptistengemeinde in Deutschland gegründet wird.
Am 9. Januar 1825 schreibt Johann Gerhard Oncken (1800-1884), der neun Jahre später zum Mitbegründer der ersten Baptistengemeinde in Deutschland werden sollte, in sein Notizbuch:
„Die erste Sonntagsschule in Hamburg gegründet, d. 9. Jan. 1825 von J.G. Oncken und Rautenberg ...“
45 Jahre zuvor hatte der Zeitungsverleger und Druckereibesitzer Robert Raikes (1735-1811) in der Küche einer Witwe in der englischen Industriestadt Gloucester die erste „Sunday School“ Englands gegründet. In ihr sollten verwahrloste Kinder, die zum Teil wochentags in den Bergwerken arbeiteten, Lesen und
Schreiben lernen. Und wie in den „Küsterschulen“ des Mittelalters diente die Bibel als Lesestoff und ihre Lektüre als Unterrichtsziel. Nachdem die Idee einmal „geboren“ war, breiteten sich diese „Sunday Schools“ in England und bald auch in Amerika sehr schnell aus.
Johann Gerhard Oncken war mit 14 Jahren als Bediensteter des schottischen Kaufmanns John Walker Anderson auf die Insel gekommen. In einer Methodistenkirche fand er zum Glauben an Jesus und kam schließlich am 16. Dezember 1823 als Bibel-Agent der Continental Society, einer „Gesellschaft zur Förderung des Reiches Gottes auf dem Kontinent“, nach Hamburg. Hier sah er das Elend der Arbeiterkinder in der Hamburger Vorstadt St. Georg. Und er handelte, indem er den Anstoß zur Gründung einer Sonntagsschule nach englischem Muster gab.
In Johann Wilhelm Rautenberg (1791-1865),
der zu jener Zeit lutherischer Pfarrer in der Hamburger Vorstadt St. Georg war, fand er einen Verbündeten, der – allen Widerständen zum Trotz – das Werk mit auf den Weg brachte.
1832 wurde Johann Hinrich Wichern (1808-1881) „Oberlehrer“ dieser Sonntagsschule. Durch seine Mitarbeit im dazu gehörenden „Besuchsverein“ empfing er entscheidende Impulse, die ihn später zur Gründung des „Rauhen Hauses“ und der „Inneren Mission“ führten – und damit zur Keimzelle des heutigen Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland.
Johann Gerhard Oncken schied in diesem Jahr (1832) aus der Leitung der hamburgischen Sonntagsschule aus – „vermehrter Geschäfte halber“. Acht Jahre lang hatte er dem hamburgischen Sonntagsschulverein als „Secretair“ gedient, ohne je selbst zu unterrichten, da seine Person wegen „pietistischer Umtriebe“ in Hamburg stark umstritten war. 1834 war er dann einer der Mitbegründer der ersten Baptistengemeinde auf deutschem Boden und zugleich der „baptistischen Sonntagsschulmission“.
„Hinsehen und Handeln!“ – It’s Up To You!
„Hinsehen und Handeln!“ – Auf diese kurze Formel hat Kurt Jägemann das spannende Geschehen rund um die Gründung der ersten Sonntagsschule in der Hamburger Vorstadt St. Georg im Jahr 1825 und ihre weitere Geschichte im 19. Jahrhundert gebracht. „Hinsehen und Handeln“ ist auch heute noch die „Philosophie“ der Arbeit mit Kindern in unserer Kirche!
Wir bemühen uns darum hinzusehen, wie Kinder heute leben und was sie heute brauchen, um dann entsprechend zu handeln. Dabei hat uns ein Satz, mit dem Kurt Jägemann seine Darstellung der Sonntagsschulgeschichte beschloss, in den letzten 25 Jahren (in seiner ganzen Doppeldeutigkeit!) als „Leitsatz“ begleitet:
„Wenn wir das Gleiche tun, was unsere Väter taten, dann tun wir nicht das Gleiche!“ (Hinsehen und Handeln 48)
In einer veränderten und sich immer neu und immer schneller weiter verändernden Welt muss sich auch die Arbeit mit Kindern in unseren Gemeinden immer wieder an veränderte Gegebenheiten und Situationen anpassen.
Im Gemeindejugendwerk haben wir darum vor zwei Jahrzehnten ein Konzept entwickelt, dass Mitarbeitenden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen genau dazu hilft: sich immer wieder neu auf die jungen Menschen einzustellen, mit denen sie es zu tun haben, und ihre Arbeit in der Dynamik des Hinsehens und Handelns zu gestalten, die wir von unseren Vätern und Müttern im Glauben gelernt haben. Diesem Konzept haben wir den Namen „Up To You“ gegeben.
„Up To You“ („Auf dich kommt es an!“ / „Es liegt an dir!“) – dieser Leitsatz hatte für uns drei Zielrichtungen:
Erstens beschreibt er, was wir von Gott erwarten: It’s up you YOU, auf DICH kommt es an, letztlich liegt es an DIR, ob aus unserem Tun etwas wird – oder nicht.
Zweitens zielt er auf uns als Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: It’s up to You, es liegt an Dir, Deinem Einsatz, Deiner Motivation, Deinem Können, ob Gott mit dem, was er tun will, zum Zuge kommen kann – oder nicht.
Drittens hat er für uns mit den Kindern, Teenagern und Jugendlichen in unseren Gruppen zu tun: It’s up to you, es liegt an euch, auf euch kommt es an, ob das, was wir miteinander tun, Sinn macht – oder nicht.
Die drei Hauptgedanken dieses „Up To You“-Konzepts lassen sich in den Stichworten menschenbezogen, christuszentriert und handlungsorientiert zusammenfassen. „Wir nehmen Kinder und Jugendliche ernst, fangen bei ihren Bedürfnissen an und fragen sie, was sie denken und von Jesus wollen (Stichwort: menschenbezogen). Wir als Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Nachfolger Jesu und laden als Vorbilder andere dazu ein, ihm nachzufolgen (Stichwort: christuszentriert). Wir gestalten die Arbeit so, dass Kinder und Jugendliche selbst Erfahrungen mit Jesus machen und heil werden (Stichwort: handlungsorientiert).“ (Aus dem Vorwort zur „Up To You“-Konzeption des Gemeindejugendwerks)
Von der Sonntagsschule zum Winterspielplatz und zu „Kirche kunterbunt“
Die klassische Form der Arbeit mit Kindern in unserer Kirche ist nach wie vor der Kindergottesdienst (nur noch selten „Sonntagsschule“ genannt). Er findet häufig parallel zum Gottesdienst der Erwachsenen am Sonntagmorgen statt.
Der Kindergottesdienst wird in aller Regel von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern durchgeführt und verantwortet. Die Gruppenstruktur richtet sich meist nach dem Alter der Kinder: Vorschule (3-5 Jahre), Grundschule (6-9 Jahre) und die Gruppe der 10- bis 12-jährigen.
Neben einem gemeinsamen Beginn im Plenum oder im Gemeindegottesdienst steht die altersgerechte Arbeit an Texten oder Themen mit vielen kreativen Methoden im Mittelpunkt. Weitere Elemente sind Singen, Beten und die Gemeinschaft mit den Kindern. In den meisten Gemeinden werden darüber hinaus immer wieder auch generationenübergreifende Gottesdienste gefeiert.
Immer größeren Raum nimmt inzwischen aber auch die Projektarbeit ein. Hier haben die Kinder die Möglichkeit, über einige Wochen an einem kleineren oder größeren Projekt mitzuarbeiten. Die Projekte reichen von intensivem Arbeiten an biblischen Texten über die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Themen (z. B. Kinderarmut oder Klimawandel) bis zum Erlernen von Fertigkeiten oder Einblicken in die Berufswelt von einzelnen Gemeindemitgliedern. Auf Grund der klaren zeitlichen Begrenzung eines solchen Projekts ist es oft einfacher, hierfür Mitarbeitende zu gewinnen, die Interesse und Begabungen auf einem bestimmten Gebiet haben, und diese den Kindern weitergeben möchten.
Neben diesen eher klassischen Formen der Arbeit mit Kindern am Sonntagmorgen gibt es vielfältige andere Aktivitäten: Bibel- und Erlebnistage für Kinder, Kinderbibelwochen, Kinderfrühstücke, Kinderchorprojekte oder „Kirche kunterbunt“. Viele Gemeinden haben auch Jungschar- oder Pfadfindergruppen.
Auch die Förderung interkultureller Beziehungen ist manchen Gemeinden wichtig, z. B. bei einem „Kids Treff“ in einer Hochhaussiedlung, durch die Einrichtung von Kinderkantinen und Hausaufgabenbetreuungen, durch die Mitarbeit bei Kinderferienprogrammen und das Betreiben von „Winterspielplätzen“ in Gemeinderäumen.
Neben regelmäßigen Gruppenstunden und diversen „Specials“ haben die Beziehungsarbeit und das gemeinsame Leben auf Freizeiten einen großen Stellenwert. Das Angebot reicht hier von Übernachtungen im Gemeindehaus über Kinder- und Gemeindefreizeiten vor Ort bis zu den vielfältigen Maßnahmen, die regionale Gemeindejugendwerke anbieten.
Volkmar Hamp
Volkmar Hamp ist Referent für Redaktionelles in der GJW-Bundesgeschäftsstelle in Elstal.