Angenommen.

Von der Herausforderung, Kinder zu adoptieren

Von Sabine und Dieter Hüsemann  |  Erschienen in HERRLICH 02|2025, Seiten 22-25  |  Lesezeit: 7:05 Min

Unsere Söhne sind in Brasilien geboren. Das war gut zwei bzw. fünfeinhalb Jahre, bevor sie uns und wir sie kennen gelernt haben. Wir haben uns Kinder gewünscht. Und haben uns nach einigen Jahren vergeblichen Wartens dafür entschieden, Eltern für elternlose Kinder werden zu wollen. Nach weiteren Jahren ungewissen Wartens kam der Anruf aus der Adoptionsvermittlungsstelle: „Wir haben Ihnen eine Mail geschickt; es gibt da zwei Brüder; wir schlagen vor, dass Sie für diese Kinder die Eltern werden sollten.“
Nach der langen Wartezeit war dieser Zeitpunkt jetzt wirklich nicht ideal. Wir spürten unsere Angst: Werden wir uns verstehen? Sind wir dem gewachsen? Muss das ausgerechnet jetzt kommen? Als wir genug Mut zusammengenommen hatten, um die Mail zu öffnen, schauten uns vier Kinderaugen an und haben unser Herz berührt. Der Funke ist übergesprungen! Wir wussten, wir bekommen zwei Kinder! Was für ein Glück! Welche Freude! Was für eine Herausforderung!


Diese Formulierung, dass wir Kinder bekommen (haben), teilen wir mit allen Eltern. Vieles andere war und ist verschieden, vor der Ankunft unserer Kinder und auch danach. Für uns, aber wohl noch viel mehr für unsere Kinder.
Zwischen der Nachricht aus der Adoptionsvermittlungsstelle und unserer Reise nach Brasilien lagen ungefähr sechs Wochen. Ausgefüllt mit all dem, was werdende Eltern so tun, wenn sie wissen, dass sie ein Kind bekommen. Oder zwei. Zur Vorbereitung unserer Kinder hatten wir ein kleines Fotoalbum mit Bildern von uns und dem künftigen Zuhause der Kinder nach São Paulo geschickt. Die Welt funktionierte 2003 noch ziemlich analog. Dieses Album wurde unseren Kindern von ihrer Erzieherin im Kinderheim am Tag vor unserer Ankunft gezeigt. Wir hatten allergrößten Respekt und wohl auch Angst vor dem Augenblick, in dem wir wirklich zusammenkommen würden. 


Wie würden wir in Kontakt kommen? Wie könnten die Kinder verstehen und akzeptieren, dass wir von jetzt an für sie da sein, dass wir ihre Eltern sein würden? Wie lange würde dieser Prozess dauern?
Wir wurden in einen leeren Raum geleitet. Aus einem Nebenraum ging die Tür auf, der Fünfjährige kam an der Hand seiner Erzieherin mit erwartungsvollen Augen hinein und schaute sich um. Sehr schnell erkannte er die fremde Frau mit den langen Haaren, ließ die Hand der Erzieherin los, rannte mit geöffneten Armen auf Sabine zu und rief laut und beglückt „Mama! Mama!“. Und ließ nicht wieder von ihr ab. Seinem jüngeren Bruder war alles zu viel. Aber er ließ zu, dass er seine Tränen und sein Weinen in Dieters Armen loswerden und abladen konnte.
Schneller als wir unseren Kindern etwas entgegenbringen konnten, sind wir in diesen Augenblicken von ihnen adoptiert worden. Dieser Nachmittag, eigentlich diese erste Minute, hat uns gelehrt, dass Kinder ein sehr tiefes Verlangen haben, jemanden Mamae, Papae nennen zu dürfen. Und von diesem Moment an waren wir für längere Zeit im wahrsten Wortsinn unzertrennlich. Es gibt für Eltern und Kinder vieles nachzuholen, wenn man erst so spät zusammenfindet.

Angenommen

Als Jesus im Jordan getauft wird, öffnet sich der Himmel und Gottes Stimme spricht: „Dies ist mein lieber Sohn!“ Ist Jesus hier adoptiert worden? Vom Vater als Sohn angenommen und zu seinem eigenen Kind erklärt worden? In der Taufe werden Menschen in Gottes Familie aufgenommen. Sie werden Gottes Kinder. In evangelischen Kirchen wird die Konfirmation als Fest der Taufbestätigung gefeiert. Im niedersächsischen Plattdeutsch, mit dem Dieter aufgewachsen ist, ist das Wort für „Konfirmation“ und „Adoption“ das Gleiche: „Annemmen“ – „Annehmen, Angenommen werden, Angenommen sein“. Taufe und Adoption sind hierin wesensgleich: In ihnen geschieht bedingungslose Kind-Werdung, volle Mitgliedschaft in der großen Familie. Angenommen sein mit allem, was dazugehört.

Wer ist „richtig“?

Wir haben an einer Familienfreizeit in den Schweizer Bergen teilgenommen. Viele kannten sich schon, wir und einige andere waren zum ersten Mal dabei. Bei der Vorstellungsrunde beim ersten Abendessen drängte unser Sohn seine Mutter gleich zu Beginn: „Mama, sag du mal jetzt, wer wir sind. Und sag, dass wir adoptiert sind! Aus Brasilien! Sag schon!“ Wir waren überrascht, auch von seiner Vehemenz, aber so stellte Sabine gleich zu Beginn unsere Familie vor. Und das war wichtig, denn jetzt waren die Fragezeichen aus den Augen verschwunden, jetzt war Raum für die wirklich wichtigen Dinge („Spielst Du auch Fußball? Wer ist Dein Team? Kannst Du schon Ski fahren?“ …). 


Wir sind auffällig, denn wir sind weiße Eltern schwarzer Kinder. Das passt doch nicht zusammen. So eine Familie ist doch nicht normal! Da stimmt etwas nicht! Was für ein Hingucker! Für die Familie ist diese Neugier ihrer Umgebung kein Vergnügen. Am wenigsten für die Kinder. Diskrimination – die Festlegung, dass hier etwas oder jemand nicht hingehört – wird so zur frühen Alltagserfahrung. Schon bei der Abholung aus dem Kindergarten ruft Kindermund: „Du bist aber doch gar nicht die richtige Mama?!“ Wer ist richtig? Ist hier jemand falsch? Welche Mama, welcher Papa ist denn richtiger? Und wodurch ist oder wird man richtig? Wohl alle Adoptivfamilien müssen sich mit diesem unseligen Attribut auseinandersetzen. Wer es gut mit uns meint, vermeidet die Frage nach dem „richtig sein“.


Dass man mit dieser Aussage einen Wirkungstreffer setzen kann, wissen natürlich auch adoptierte Kinder sehr schnell. „Du darfst mir das überhaupt nicht verbieten! Du bist ja gar nicht mein richtiger Papa!“ Adoptiveltern sollten auf diese Argumentation vorbereitet sein. Denn dahinter steckt meist mehr als rhetorisches Geschick oder der Wunsch, dem Vater weh zu tun. Auch die adoptierten Kinder bewegt immer wieder der Zweifel, ob sie möglicherweise fehl am Platz sind. Wir haben manchmal geantwortet „Natürlich wissen wir beide, dass ich nicht dein leiblicher Papa / deine leibliche Mama bin. Aber trotzdem bin ich für dich da. Und vor allem: Du bist mein Kind. Und du bist richtig! Unser richtiges Kind! Du bist hier richtig! Du gehörst zu uns!“ Manche Familien nutzen dann die Formulierung „Bauch-Mama“ und „Herz-Mama“.


Eine weitere schlimme Frage ist die, ob wir denn „keine eigenen Kinder“ bekommen konnten. Ohnehin sollte niemand ein Kind als Eigentum betrachten. Aber wem sollten denn unsere adoptierten Kinder sonst gehören, wenn sie in der Vorstellung der Fragenden nicht unsere „eigenen“ sind. Sie gehören nicht weniger zu uns als leibliche Kinder zu ihren Eltern gehören. Als unsere Kinder die Schwangerschaft einer Freundin von uns, ihre Fürsorge und ihre Vorfreude auf das ungeborene Kind miterlebten, spürten und äußerten sie eine Traurigkeit in sich, weil sie nicht in Sabines Bauch heranwachsen konnten. Und sie wollten wissen, was denn wäre, wenn wir noch mal schwanger würden? Hättet ihr dieses Kind dann lieber als mich? Diese Frage steht auch immer im Raum, wenn in einer Familie leibliche und adoptierte Kinder als Geschwister aufwachsen. 

Platz für die leibliche Mutter

Adoptierte Kinder haben ihre leiblichen Eltern verloren – meistens sind sie sozial verwaist. Sie haben keine behütete Kindheit erlebt und oft auch keine behütete Schwangerschaft hinter sich. Vieles aus ihrer frühen Geschichte ist nicht bekannt. Und manches, was bekannt ist, ist nichts Gutes.
Aus all dem könnte eine Wut gegen die Herkunftsfamilie entstehen (die wendet sich nicht selten später stellvertretend gegen die Adoptivmutter), aber viel öfter und unmittelbarer entstehen daraus Selbstzweifel und Selbstentwertung. War ich nicht schön, liebenswert und gut genug, dass meine Mutter mich nicht behalten und lieben wollte? Wie schlimm muss ich gewesen sein, dass meine Mutter mich weggegeben hat? Im frühen Leben eines adoptierten Kindes gibt es vielfältige Verletzungen und Verwundungen, enttäuschtes Vertrauen und die Erfahrung des Verlassenseins.


Dies überstanden zu haben, ist eine Leistung, die man kaum hoch genug einschätzen kann. Eine prominente Bedeutung hat immer die leibliche Mutter. Um sie nicht zu verschweigen, die ja ohnehin präsent ist, war sie mit Namen und Geburtsdatum auf unserer Familienkerze sichtbar. Bei manchen Kindern verbleibt eine besondere Verletzlichkeit, manche haben sich eine besondere Stärke und Durchsetzungsfähigkeit erworben. Manche glorifizieren das Land ihrer Geburt als Schlaraffenland, in dem alles besser wäre. Manche wollen von den Menschen ihres frühen Lebens nichts mehr wissen und möchten nur „normal“ sein.

Angenommen

Die eigene Geschichte anzunehmen und sich selbst ganz und gar angenommen zu wissen, gehört zu den Herausforderungen für „Angenommene“, für adoptierte Menschen. Herrlich, wenn sie Familien, Freunde, Schulklassen, Gemeinden und andere Orte finden, wo sie nicht diskriminiert, nicht als anders wahrgenommen werden, weil sie natürlich hier richtig sind und hier hingehören! 

Rückläufige Adoptionszahlen in Deutschland

Die Zahl an Adoptionen hat sich in den vergangenen 25 Jahren von etwa 6.500 auf zuletzt ca. 3.600 nahezu halbiert. Während der Anteil der Adoptionen durch Stiefeltern auf fast 75 % angestiegen ist, betrifft der Rückgang vor allem die Adoptionen durch nicht mit dem Adoptivkind verwandte Elternpaare (2000 noch 2.370, 2024 nur 891 Adoptionen). Die Zahl internationaler Adoptionen von Kindern aus dem Ausland nach Deutschland wird vom Bundesjustizministerium für 2024 mit nur noch 52 Kindern aus 14 verschiedenen Ländern angegeben.

Internationale Adoptionen müssen in Deutschland entweder über die Zentralen Adoptionsstellen der Landesjugendämter oder über eine von noch sechs staatlich anerkannten privaten/gemeinnützigen Auslandsadoptionsvermittlungsstellen abgewickelt werden. Die Grundzüge dieser Verfahren richten sich nach dem Haager Adoptionsübereinkommen von 1993: Es legt Qualitätsstandards und Abläufe bei internationalen Adoptionen fest, schützt Kinder und abgebende Familien vor missbräuchlicher Adoptionsvermittlung/Kinderhandel und wurde von über 100 Staaten weltweit (darunter auch Deutschland) ratifiziert.

Sabine und Dieter Hüseman

Sabine und Dieter Hüseman haben 20 Jahre lang ehrenamtlich bei Eltern für Kinder e.V. Paare mit Auslands- Adoptionswunsch beraten und den Kontakt zu vielen Berlin- Brandenburger Adoptivfamilien genossen.