Vier Bilder und deine Antworten
Kindern auf Augenhöhe begegnen
Autor: Jason Querner; Erstveröffentlichung: HERRLICH. Das GJW-Magazin 02/2017, 40-43.
Der Ausspruch „Kinder an die Macht!“ löst unweigerlich Bilder in einem aus. Die einen denken vielleicht an das gleichnamige Lied von Herbert Grönemeyer aus dem Jahr 1986. Andere denken augenrollend an Laissez-faire-Erziehung, die Kindern zu viel Raum lässt. Wiederum andere kämpfen dafür, dass Kinder mehr Gehör bekommen. Auch im Kontext von Gewaltprävention wird Teilhabe und Mitbestimmung von Kindern immer wieder als schützender Faktor genannt. Bei „Kinder an die Macht!“ kommen mir vier Bilder in den Kopf, die nach Antworten fragen.
Bild 1: Pippi Langstrumpf
Pippi war nie die Heldin meiner Kindheit. Für mich war sie viel zu chaotisch und sprunghaft. Ich orientierte mich lieber an Erwachsenen, ob real oder fiktiv. Mich störte, dass Pippi den Erwachsenen nicht ebenbürtig ist, sondern ihnen überlegen. Sie macht, was sie will. Das passte für mich nie. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich den Pumuckl nicht mochte. In meinen Augen wütet Punuckl herum und missbraucht seine Macht.
Dennoch hat die Idee Astrid Lindgrens etwas für sich. Sie zeichnet ein starkes Mädchen, das sich nicht nur zu wehren weiß, sondern souverän agieren kann. Lindgren verleiht ihr die Macht, bedürfnisorientiert ohne Reglementierung und mit viel Kreativität zu leben.
- In welchen Momenten erlebst du Kinder als souverän?
- Wie fühlt sich das für sie und für dich dann an?
Bild 2: Die gerechte Gesellschaft
Der US-amerikanischen Philosophen John Rawls zeichnet das Bild einer gerechten Gesellschaft in einem politischen Gedankenexperiment. Hierbei muss ich unweigerlich an die Situation von Kindern denken.
In jenem Experiment werden die Mitglieder einer Gesellschaft in den sogenannten „Urzustand“ versetzt. Alle Menschen sind dort völlig gleich. Sie können Für und Wider abwägen und neue Argumente integrieren. Außerdem können sie sich vorurteilslos in andere hineinversetzen. Sie sollen nun einen Gesellschaftsvertrag aushandeln, der das gemeinsame Leben nach dem Urzustand regelt. Sie haben allerdings einen „Schleier des Nichtwissens“. Sie wissen nichts über ihre zukünftige Identität (Geschlecht, Fähigkeiten, Präferenzen, Herkunft, Wohlstand usw.).
Früher oder später wird nun jeder Person klar, dass sie in einer Identität wiedergeboren werden könnte, die mehr Nach- als Vorteile mit sich bringt: Wie sind chronisch Kranke finanziell abgesichert? Wird man als alter Mensch von seinem Einkommen leben können? In welcher Region werde ich geboren? Wer sollte wählen dürfen? Gibt es Nachteile, nur weil man einer anderen Religion angehört? Könnte es von Vorteil sein, ein männlicher Erstgeborener zu sein? Macht Haurfarbe einen Unterschied?
In die Situation der Schwächsten der Gesellschaft hineinversetzt beginnt nun das Ringen mit den Rechten und Pflichten. Mal angenommen, du hättest die Möglichkeit, die Gesellschaft neu zu denken:
- Welchen Platz hätten dann Kinder?
- Was würdest du belassen?
- Was würdest du verändern?
Bild 3: Ganz Mensch und ganz Kind
Im Miteinander von Menschen bewegen wir uns im Spannungsfeld von Gleichheit und Ungleichheit. Bestimmte Dinge einen uns: Allen Menschen ist eine Würde zugesprochen. Jeder Mensch möchte dazugehören und angenommen sein. Jeder Mensch hat Träume und Wünsche. Jeder Mensch möchte gestalten. Jeder Mensch ist Experte in eigener Sache. Jeder Mensch macht sich Gedanken über seinen Ursprung, das Leben und die Welt.
Das Beispiel von John Rawls macht jedoch deutlich, dass wir in vielerlei Dingen auch unterschiedlich sind. Als Gesellschaft sind wir herausgefordert, keine Person zurückzulassen und einander ernst zu nehmen, eben weil jedem Menschen eine Würde zugesprochen ist. Kinder sind da keine Besonderheit und eben doch! Einerseits sind sie gleich in allem, was das Menschsein ausmacht. Auch sie wollen dazugehören, haben Träume über ihren Ursprung, das Leben und die Welt. Deshalb gilt das Gleiche für sie. Sie wollen ernst genommen werden. Andererseits gibt es einen Unterschied in der lebensweglichen Entwicklung. Wir Erwachsenen haben da in mancherlei Hinsicht einen Vorsprung.
Daraus folgt das Machtverhältnis. Dass Erwachsene die „Bestimmer“ sind, merken Kinder schnell. Dieser Machtunterschied ist real und nichts Schlimmes. Im Gegenteil: Die Macht von Eltern oder auch Mitarbeitenden in der Gemeinde ist sinnvoll. Manchen fällt es schwer, sich das einzugestehen. Kinder brauchen Erwachsene, die Verantwortung übernehmen: allein schon, um zu überleben.
Jedoch ist das Machtverhältnis nur so lange sinnvoll, wie Erwachsene ihre Macht zum Wohl der Kinder einsetzen. Erwachsene wiederum merken schnell, dass Kinder auch Macht haben. Das menschliche Bedürfnis nach Einfluss, Gestalten und Beteiligung äußert sich schon früher, als man denkt. Statt dies als „bockig“ und „quengelig“ abzutun, sollte man nach den Bedürfnissen dahinter fragen und Raum schaffen, dass Kinder sich äußern dürfen.
„Mit großer Macht kommt große Verantwortung“ ist ein bekanntes Spider-Man-Zitat. Als Erwachsene sind wir zu einem machtvollen Balanceakt herausgefordert. Der Umgang mit Kindern geschieht auf Augenhöhe. Das meint, wir nehmen sie als gleichwertige Persönlichkeiten ernst. Gleichzeitig übernehmen wir zum Wohle des Kindes Verantwortung für sie, nehmen ihnen Entscheidungen ab und schützen sie. Diese Spannung aus „Verantwortung übernehmen“ und „Freiheit geben“ lässt sich nie auflösen.
- In welchen Situationen spürst du diese Spannung?
- Mit wem kommst du darüber (in der Gemeinde) ins Gespräch?
- Wie sieht dein Bild vom Kind und vom Erwachsenen aus?
Bild 4: Landkarte
Eine Landkarte hilft, den richtigen Weg zu finden. Auf ihr sind Tatsachen festgehalten, an denen man sich orientieren kann. Um nicht immer wieder neu suchen und darüber nachdenken zu müssen, wie man zu Kindern steht, beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen 1989 die Kinderrechtskonvention, die anschließend von allen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen (mit Ausnahme der USA) ratifiziert wurde.
Diese Kinderrechtskonvention war an sich keine neue Erfindung, sondern entstammt jenem menschenrechtlichen Denken, das 1948 zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ führte. Die neue „Landkarte“ berücksichtigte, dass Kinder nicht nur Menschen, sondern eben auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen sind.
- An welchen festgeschriebenen „Landkarten“ orientierst du dich in Bezug auf Kinder?
- Wie ist (in deiner Gemeinde) das Recht auf Schutz und Mitbestimmung von Kindern strukturell verankert?
- Was müsste auf einer „Landkarte für Kinder“ deiner Gemeinde stehen?
- Welche Aspekte der allgemeinen Gemeindevision gehören in Bezug auf Kinder ergänzt?