Gemeinde erneuern mit Kindern und Jugendlichen
Radikale Partizipation als Gedankenexperiment
Autor: Tobias „Tobe-Tobi“ Köpke; Erstveröffentlichung: HERRLICH. Das GJW-Magazin 02/2021, 18-21.
Als Gemeinde agieren wir mitten in riesigen gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, die unseren Alltag und die Art und Weise unseres Zusammenlebens nachhaltig beeinflussen. Allein wie wir miteinander kommunizieren, hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend gewandelt. Viele haben Schwierigkeiten, sich daran anzupassen. Auch Gemeinden hinken den Trends oft weit hinterher. Doch junge Menschen leben selbstverständlich mit den Erkenntnissen und Neuerungen dieser Zeit. Einerseits wachsen sie automatisch damit auf, anderseits besitzen sie die Fähigkeit, sich auf aktuelle Entwicklungen schneller einzustellen und sich diesen anzupassen. Ihnen fällt es leichter, Neues zu lernen, und sie sind eher in der Lage, den erforderlichen Veränderungswillen für den gesellschaftlichen Wandel mitzubringen. Darum kann man sie als Expert:innen bei Themen wie der Digitalisierung, der Klimakrise und natürlich für ihre eigene Lebenswelt bezeichnen.
Wenn man also eine Gemeinde zukunftsrelevant gestalten will, kommt man zwangsläufig nicht daran vorbei, Kinder und Jugendliche am Gemeindeleben zu beteiligen. Doch wie kann dabei echte Partizipation aussehen, also Mitwirkung an Entscheidungen und somit Einfluss auf deren Ergebnisse?
Was wäre, wenn Gemeinden nicht nur Orte sind, die für Kinder und Jugendliche tolle Programme anbieten, sondern auch die Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen in den Mittepunkt aller Entscheidungen stellen? Was wäre, wenn Kinder und Jugendliche als Teil der Gemeinde von Anfang an als vollwertige Mitglieder angesehen werden? Was wäre, wenn Gemeinden sich in ihren Leitungsstrukturen und Gremienformen an die Lebenswelt der jüngeren Generation anpassen und diese motiviert ist, Gemeindeleben zu gestalten? Was wäre, wenn die daraus resultierenden Veränderungen mit Wohlwollen von älteren Mitgliedern angenommen werden?
Ich möchte dich mitnehmen in eine Utopie, in der die aufgeführten Annahmen Wirklichkeit sind, und stelle dir Wege vor, bei denen die Partizipation von Kindern und Jugendlichen radikal umgesetzt wird.
In der abgebildeten Partizipationspyramide, die ich von der Gemeinwesenarbeit auf das Gemeindeleben übertragen habe, wird deutlich, dass es verschiedene Stufen der Partizipation gibt, die den Grad der Beteiligung bemessen. Während man bei den Stufen eins bis drei nur bedingt von einer Einflussnahme von jungen Menschen auf die Entscheidungsprozesse sprechen kann, bekommen Kinder und Jugendliche ab Stufe 4 wirklich die Chance, eine Gemeinde zu prägen. Darum beziehe ich mich bei meinen Beispielen nur auf diese Partizipationsstufen.
Beispiel 1: Gottesdienstgestaltung
Das erste Beispiel radikaler Partizipation geht über das klassische Modell der Jugendgruppe, die sich einmal wöchentlich trifft und ab und zu mal einen Jugendgottesdienst veranstaltet, hinaus. Auch wenn man diese Art und Weise der Jugendarbeit mit gutem Gewissen in Stufe fünf einordnen könnte, läuft diese viel zu häufig parallel und damit oft am Leben der Gesamtgemeinde vorbei. Klar brauchen Teenager und junge Erwachsene (Frei)Räume, wo sie unter sich sein können, aber wenn sie sich nicht als Teil der Gesamtgemeinde fühlen, fehlt Ihnen die Bindung und die Motivation, auch im höheren Alter mitzuarbeiten und am Gemeindeleben teilzuhaben. Darum wäre es spannend zu erleben, wenn Jugendlichen die Verantwortung ür einen bestimmten Bereich übertragen wird.
Nehmen wir z. B. die Gottesdienstgestaltung. Und damit meine ich nicht, dass die Jugendgruppe einmal im Monat die Lobpreisband stellt, sondern dass die gesamte Planung in ihrer Hand liegt. Das fängt bei der Form der Gottesdienste an und hört bei der Uhrzeit, und wie für den Gottesdienst eingeladen wird, auf. Dabei kann eine komplett neue Art und Weise des gemeinsamen Singens, Betens und Lobens entstehen – oder aber vieles ähnlich bleiben. Wichtig ist, dass die Älteren in der Gemeinde sich darauf einlassen und die Jugendlichen die Unterstützung und Zeit bekommen, Dinge auszuprobieren und „Fehler“ machen zu dürfen. Klassische Gottesdienstformen sprechen jüngere Menschen kaum noch an, und auch gesellschaftlich sind sie ehrlicherweise irgendwie „aus der Zeit gefallen“. Was haben Jugendliche eigentlich für Vorstellungen?
Beispiel 2: Kinder und Gemeindebau
Ein weiteres Beispiel soll vor allem die Kinder in den Blick nehmen. Nicht nur in der Politik, sondern auch in vielen Gemeinden fallen ihre Bedürfnisse hinten runter. Aber kann man Kinder schon bei wichtigen Fragen mitentscheiden lassen? Ja, warum denn nicht!? Kinder haben einen großen Drang mitzuteilen, was sie wollen und was ihnen gar nicht gefällt. Nur ist es eine Herausforderung, komplexe Sachverhalte so einfach darzustellen, dass Kinder diese verstehen und in der Lage sind, ihre Meinung dazu zu äußern. Das kostet Zeit und Mühe, die wir uns aber nehmen sollten, um Kinder in Entscheidungsprozessen miteinzubeziehen.
Schauen wir uns z. B. den Bau oder die Umgestaltung eines Gemeindehauses an. In der Planungsphase können Kinder schon ab dem Kindergartenalter auf unterschiedliche und kreative Weise ihre Wünsche zur zukünftigen Gestaltung einbringen. Ob mit Bausteinen, Knete oder Buntstiften – Kinder haben eine herrliche Fantasie, die von ihren Bedürfnissen beeinflusst wird. Es gibt Architekt:innen, die darauf spezialisiert sind, solche „Entwürfe“ von Kindern zu interpretieren und umzusetzen. Natürlich haben auch die anderen Gemeindemitglieder die Chance, ihre Wünsche und Ideen gleichberechtigt einzubringen. Am Ende der Planungsphase stimmen alle gemeinsam mit den Kindern zwischen verschiedenen Modellen für ihren Favoriten ab, welcher dann gebaut wird. Auch in der Bauphase sollte überlegt werden, wo die Kinder aktiv an der Gestaltung teilhaben können. Vielleicht können sie sich an der Wandgestaltung beteiligen?
Beispiel 3: Jugendliche leiten mit
Mein letztes Beispiel stellt ein weit verbreitetes Leitungsverständnis, welches vor allem auf Erfahrung beruht, infrage. Es wird allgemein angenommen, dass man erst in einem bestimmten Alter, mit einer gewissen Reife, fähig ist, gute Entscheidungen zu treffen. Ich behaupte, dass diese Annahme in dieser Absolutheit totaler Quatsch ist! Junge Menschen sollten die Möglichkeit haben, für ihre Interessen selbst einzutreten und direkt mitzubestimmen. Darum würde ich es absolut sinnvoll finden, wenn in Gemeindeleitungen eine Jugendquote (mindestens 25 %) geschaffen wird, die es jungen Menschen unter 27 Jahren ermöglicht, an relevanten Entscheidungen in der Gemeinde teilzuhaben.
Grundlage für eine solche Jugendquote muss sein, dass Leitungssitzungen auch attraktiv für Teenager und junge Erwachsene gestaltet und ihrem Kommunikationsverhalten angepasst werden. Außerdem wäre es erforderlich, Jugendliche so früh wie möglich für Leitungsaufgaben zu motivieren und zu schulen und sie schon in Entscheidungsprozessen, die über die Gemeindeleitung hinausgehen, miteinzubeziehen. Wo wird das enden?
Fazit
Als Referent für den Freiwilligendienst erlebe ich es jedes Jahr, welche positiven Auswirkungen es auf die Freiwilligen und auf die Gemeinden hat, wenn ihnen etwas zugetraut wird und sie Verantwortung übertragen bekommen. Ich wünsche mir mehr Mut und Gelassenheit von älteren Geschwistern, sich auf den Veränderungswillen der jungen Generation einzulassen. Denn nur dann fühlen sich Kinder und Jugendliche wirklich wohl, und es entsteht eine echte Identifikation mit der eigenen Gemeinde, was eine positive Einstellung gegenüber dem Glauben an und dem Leben mit Jesus verstärken kann.
