Praktische Hilfe und Tipps für die Arbeit vor Ort

Gemeinde heute hat sich der Realität von Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in ihrem Kontext zu stellen. Sichere und phantasievolle Beziehungen zu Kindern zeigen sich in Emotionalität und Reflexion, in Nähe und Distanz, in Offenheit und dem Recht, nicht alles preisgeben zu müssen.

Beim Thema "Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" geht es um Mitarbeiterschutz und Kindesschutz! (Auch Mitarbeiterschutz ist wichtig: Schon eine unhaltbare und erfundene Verdächtigung könnte das "Aus" als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin bedeuten!)

Kinder und Jugendliche, die Gewalt erleben sind immer auch Opfer unklarer Beziehungsstrukturen. Darum liegt der Schwerpunkt des Schutzes auf Verbalisierung und Transparenz.

Um eine gemeinsame, wirksame Sprache gegen Vernachlässigung und Gewalt zu finden, braucht es transparente Standards für die Prävention, Intervention und Begleitung von Kindern und Jugendlichen. 

Drei Schritte auf dem Weg zur Sicheren Gemeinde

Aufklären

Alle, die beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, müssen Grundkenntnisse über die Anzeichen für eine mögliche Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch Vernachlässigung und Gewalt besitzen. Außerdem sollten sie über die ihnen zur Verfügung stehenden Hilfestrukturen Bescheid wissen, um gegebenenfalls sachgerecht intervenieren zu können. Es ist "dringend erforderlich, professionelle Facheinrichtungen zu kennen, mit denen im entsprechenden Fall kooperiert werden kann und auch muss. Wichtig ist für die intervenierende Person, nicht allein zu bleiben, sondern immer im Verbund mit anderen zu handeln." (Sachs 162)

Entsprechende Schulungen zu den Themen "Kindeswohlgefährdung" und "(sexuelle) Gewalt" gehören in die Ausbildung aller ehren- und hauptamtlich Mitarbeitenden in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen (siehe Materialheft I, Seite 37-48: Bausteine für Schulungseinheiten und Gruppenstunden). 

Vorbeugen

In unseren Einrichtungen und Gruppen brauchen wir darüber hinaus klare, für alle nachvollziehbare Regeln für den Umgang miteinander - vor allem für den Umgang der Mitarbeitenden mit den Kindern und Jugendlichen. Siehe hierzu als Beispiel unseren "Verhaltenskodex für Mitarbeitende in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen". Er wurde durch den AK Sichere Gemeinde im Gemeindejugendwerk des BEFG erarbeitet.

Weitere Schritte, bevor etwas passiert:

 

  • Verhaltenskodex für Mitarbeitende in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Team besprechen und ggfs. unterschreiben lassen.
  • Sowohl Kindern und Jugendlichen als auch Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, sich über Grenzverletzungen (anonym) zu beschweren (Beschwerdemanagement).
  • "Kindes- und Jugendschutz" in der Gemeinde und im Umfeld der Gemeinde thematisieren (Sensibilisierung) (siehe Schritt 1: Aufklären).
  • Noch vor einem Verdacht auf Kindeswohlgefährdung Kontakt zu Fachdiensten knüpfen und Vereinbarungen zur Kooperation treffen.
  • "Vertrauenspersonen" innerhalb der Gemeinde und im Gemeindejugendwerk benennen.

 

Außerdem braucht es "Handlungspläne" für den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung und für den Fall, dass es zu Übergriffen gekommen ist (siehe unter Schritt 3: Begleiten) Diese müssen schon vor dem Auftreten von konkreten Fällen erarbeitet worden sein!

Weitergehende Informationen und Tips hierzu finden sich im ersten Materialheft "Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde".

Begleiten

Wenn ...

  • ein Verdacht entstanden ist,
  • sich ein Kind oder Jugendlicher offenbart hat oder
  • eine Täterschaft vermutet wird,
  • du ein "komisches Gefühl" hast,

sind die folgenden Schritte und Punkte zur Orientierung entscheidend:

  • Ruhig bleiben und nichts überstürzen.
  • Überlegen, woher der Verdacht kommt: "Was nehme ich wahr?"
  • Anhaltspunkte für den Verdacht schriftlich festhalten (Dokumentation).
  • Bei vertrauten Mitarbeitenden (oder ggf. im ganzen Team) fragen: "Was nehmen andere wahr?"
  • Eigene Gefühle, die durch den Verdacht ausgelöst werden, erkennen und benennen.
  • Überlegen, wo Unterstützung geholt werden kann - nichts im Alleingang unternehmen.
  • Kontakt zu einer Vertrauensperson in der Gemeinde oder im Gemeindejugendwerk aufnehmen.
  • Für das Kind bzw. die/den Jugendliche/n da sein (z.B. Gespräche ohne Aufdeckung).
  • Auf keinen Fall sofort die Familie informieren, das weitere Vorgehen grundsätzlich mit den Geschädigten abstimmen.
  • Auf keinen Fall den vermuteten Täter / die vermutete Täterin informieren.
  • Professionelle Hilfe suchen (unterstützt durch die Vertrauensperson).
  • Eigene Grenzen und Möglichkeiten erkennen und akzeptieren.

Im Mitteilungsfall

 "Hilfe, ich habe einen Fall - ein Opfer hat sich mir mitgeteilt!" Schritte zur Orientierung bei einer Kindeswohlgefährdung:

  • Ruhig bleiben.
  • Dem Kind/Jugendlichen zuhören, Glauben schenken und ermutigen.
  • Eigene Gefühle klären.
  • Nicht überstürzt handeln und nichts versprechen, was man anschließend nicht halten kann.
  • Mit wachsender Angst der Opfer rechnen und dabei die eigene Macht- und Hilflosigkeit aushalten.
  • Grundsätzlich alle weiteren Schritte mit dem Kind/Jugendlichen abstimmen.
  • Aussagen und Situationen protokollieren (Dokumentation).
  • Das weitere Vorgehen ist alters-, geschlechts-, entwicklungs- und kulturbedingt und bedarf einer fachlichen Begleitung.
  • Nichts im Alleingang unternehmen, sondern Kontakt zur Vertrauensperson in der Gemeinde oder im Gemeindejugendwerk aufnehmen.
  • Keine Entscheidung über den Kopf des Kindes/Jugendlichen hinweg fällen.
  • Auf keinen Fall den Täter / die Täterin informieren.
  • Professionelle Hilfe suchen.
  • Verbindliche Absprachen mit dem Opfer und dem Fachdienst über das weitere Vorgehen treffen

Bei (vermuteter) Täterschaft

"Hilfe, wir haben einen Täter / eine Täterin im eigenen Mitarbeiterteam!"

  • Ruhig bleiben und nichts überstürzen.
  • Analysieren, woher der Verdacht kommt.
  • Beobachtungen schriftlich festhalten (Dokumentation).
  • Wenn möglich, Rückhalt bei anderen vertrauten Mitarbeitenden suchen, ohne den Verdacht vorschnell öffentlich zu machen.
  • Nichts im Alleingang unternehmen, sondern Kontakt zur Vertrauensperson in der Gemeinde oder im Gemeindejugendwerk aufnehmen.
  • Professionelle Hilfe suchen
  • Auf keinen Fall vorzeitig den Verdächtigen / die Verdächtige informieren.
  • Gespräch mit verantwortlichen Personen (GJW-Leitung, Gemeindeleitung) suchen, ggf. unterstützt durch den Fachdienst, dabei Verdachtsmomente benennen und das weitere Vorgehen abstimmen.
  • Ggf. Anwalt oder Anwältin zu Rate ziehen.