Big History, das Ende der Welt und die Zukunft der Menschheit
Von Volkmar Hamp | Erschienen in HERRLICH 01|2026, Seiten 14-18 | Lesezeit: 7:09 Min
7„An irgendeinem Tag wird die Welt untergeh’n, doch an allen andern Tagen halt nicht.“ Das singt die Indie-Rock-Band Kapelle Petra in einem ihrer Lieder. „An irgendeinem Tag ist das alles vorbei, aber jetzt ist noch nicht Schicht. Irgendwann geh’n irgendwie die Lichter aus, und bis dahin machen wir das Beste draus.“ Das ist – in drei Sätzen zusammengefasst – das Fazit, das auch das Projekt „Big History“ zieht.
Big History ...
... ist ein relativ neues akademisches Forschungsfeld, das Erkenntnisse aus Natur- und Geschichtswissenschaften miteinander verknüpft (https://bighistory.de/).
Bei diesem Projekt geht es darum, eine wissenschaftlich fundierte Darstellung der gesamten Geschichte des Universums von seinem Anfang bis zu seinem Ende zu liefern. Dabei wird die Natur nicht nur als Bühne für die Menschheitsgeschichte betrachtet, sondern die Geschichte der Menschheit in den kosmischen Kontext der der Naturgeschichte gestellt.
David Christian, einer der Protagonisten dieses Forschungsfeldes, unterscheidet dabei acht „Schwellen“, an denen diese „Big History“ jeweils deutlich an Komplexität hinzugewonnen hat (vgl. dazu die Tabelle bei Christian 21f.):
- Der Anfang (Urknall: Ursprung unseres Universums) (vor 13,8 Milliarden Jahren)
- Die ersten Sterne (vor 13,2 Milliarden Jahren)
- Neue Elemente (fortlaufend von Schwelle 2 bis heute)
- Bildung unserer Sonne und unseres Sonnensystems (vor 4,5 Milliarden Jahren)
- Frühestes Leben auf der Erde (vor 3,8 Milliarden Jahren)
- Erste Hinweise auf unsere Art: Homo sapiens (vor 200.000 Jahren)
- Früheste Anzeichen für Landwirtschaft (vor 10.000 Jahren)
- Die Nutzung der fossilen Brennstoffe beginnt (Anthropozän) (vor 200 Jahren)
So spannend jede dieser Schwellen auch ist (s. u. die weiterführende Literatur), entscheidend für unsere Zukunft ist der Punkt, an dem wir als Menschheit uns gerade befinden: das Anthropozän.
„Es ist das erste Mal in der vier Milliarden Jahre währenden Geschichte der Biosphäre, dass eine einzige biologische Art zu der beherrschenden Kraft der Veränderung geworden ist. In nur ein oder zwei Jahrhunderten sind wir unversehens in die Rolle von Piloten gedrängt worden, die den Planeten lenken sollen, ohne wirklich zu wissen, welche Instrumente sie im Auge behalten, welche Knöpfe sie drücken und wo sie landen sollen. Es ist Neuland für uns Menschen und für die gesamte Biosphäre.“ (Christian 292).
Dabei ist klar: Die Geschichte des Universums wird weitergehen. Auch ohne uns. In ferner Zukunft, in vielen weiteren Milliarden Jahren, in denen das Universum weiter expandiert, wird es darin dunkel und kalt werden.
„Unsere Galaxie wird sich in einen Friedhof mit der abkühlenden Asche von Sternen und Planeten verwandeln.“ (Christian 342)
Was danach kommt? Niemand weiß es.
„Vielleicht werden sich auch Raum und Zeit als bloße Formen, als bloße Wellen in einem größeren Multiversum erweisen. Am Ende wird die Entropie* alle Ordnung zerstört haben.“ (ebd.)
Leben im Zeitalter des Anthropozäns
Das Ende der Big History mag deprimierend sein. Es liegt aber in so ferner Zukunft, dass es unser Leben im Hier und Jetzt, im Zeitalter des Anthropozäns, nicht tangiert. Entscheidend für uns ist, wie wir die Schwelle, an der wir im Rahmen der Big History unseres Universums stehen, überschreiten. Noch ist nämlich nicht ausgemacht, ob das Zeitalter des Anthropozäns ein – für die Menschheit und diesen Planeten – „gutes“ oder „schlechtes“ Zeitalter wird.
Gut (aus menschlicher Perspektive) ist ganz sicher, dass die wissenschaftlichen, technologischen und gesellschaftlichen Errungenschaften der letzten 200 Jahre Milliarden normaler Menschen zum ersten Mal in der Geschichte ein besseres Leben ermöglicht haben (vgl. dazu die Bücher von Rutger Bregman). Im weltweiten Maßstab zeigen viele Entwicklungskurven seitdem nach oben, zum Beispiel Gesundheit, Lebenserwartung, Einkommen und Bildung. Und das nicht nur in den reichen Industriestaaten, sondern auch in Schwellen- und Entwicklungsländern.
Doch es gibt nicht nur das „gute“ Anthropozän, sondern auch das „schlechte“: Zunehmende Ungleichheit, Diktaturen und Autokratien, Imperialismus und Demokratieabbau, abnehmende Biodiversität und natürlich der Klimawandel sind hier die wichtigen Stichworte.
„Die Herausforderung, der wir uns als Art gegenübersehen, könnte klarer nicht sein. Sind wir in der Lage, die Vorteile des Guten Anthropozäns zu bewahren und die Gefahren des Schlechten Anthropozäns zu vermeiden? Können wir den Energiereichtum des Anthropozäns und die Ressourcen gerechter verteilen, um katastrophale Konflikte zu verhindern? … Oder werden wir weiterhin von Energie- und Ressourcenflüssen abhängig bleiben, die so gewaltig sind, dass sie irgendwann die ungeheuer komplexen Gesellschaften sprengen, die wir in den letzten zweihundert Jahren gegründet haben?“ (Christian 318)
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
So heißt es in dem Gedicht „Patmos“ von Friedrich Hölderlin (1770-1843). Bezeichnend, dass dieses Gedicht nach der griechischen Insel Patmos benannt ist, die als Schöpfungsort der Offenbarung des Johannes gilt (Offb 1,9).
Leben wir in apokalyptischen Zeiten? Viele sehen das so.
„Untergangsprognosen gewinnen an Plausibilität, endzeitliche Gestimmtheiten finden wachsende Resonanz. Aus der Spätmoderne, so das Zeitgefühl, ist längst die Zuspätmoderne geworden.“ (Hentschel / Bröckling)
Doch entspricht dieses Zeitgefühl der Realität? Oder anders gefragt: Muss das so sein? Ich will glauben – das heißt: daran festhalten und darauf vertrauen –, dass das nicht so ist. Das aber bedeutet: Ich will nicht fatalistisch auf das Ende warten, sondern aktiv daran mitwirken, dass diese Welt und wir Menschen „Zukunft und Hoffnung“ haben (Jer 29,11). David Christian beschreibt die Ziele, um die es dabei geht:
„Zunächst einmal den Zusammenbruch zu vermeiden. Falls uns das gelingt, gibt es zwei weitere Ziele: dafür zu sorgen, dass der Nutzen des Guten Anthropozäns für alle Menschen verfügbar wird, und sicherzustellen, dass die Biosphäre weiterbesteht, denn wenn sie zugrunde geht, gibt es keine Suche mehr, die Erfolg haben kann.“ (Christian 326)
Es gibt längst Vorschläge, wie diese Ziele zu erreichen wären. Zum Beispiel die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren 17 Zielen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) –
ein globaler Plan zur Förderung nachhaltigen Friedens und Wohlstands und zum Schutz unseres Planeten. Oder das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 – auch wenn die darin vereinbarte Begrenzung der Erhöhung globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau wohl nicht mehr zu erreichen ist.
Diese Vorschläge gilt es weiterzuverfolgen.
Denn: „Zu glauben, dass jede Überschreitung von 1,5 Grad das Ende bedeutet, birgt die reale Gefahr, dass wir Maßnahmen reduzieren und entmutigt aufgeben. Die Folge eines mangelnden Ehrgeizes wäre, dass wir auf unserem aktuellen Erwärmungspfad bleiben, der zu einer nahezu 3 Grad wärmeren Welt führt – lokal sogar noch mehr. Eine solche Erwärmung hätte immense und in Teilen irreversible Folgen für Natur und Menschen.“ (Daniela Schmidt, Professorin für Geowissenschaften an der University of Bristol)
Als Christen sind wir aufgerufen, uns für den Erhalt von Gottes Schöpfung einzusetzen (Gen 2,15) (s. u. die Bücher von Günter Altner, Papst Franziskus, Jürgen Moltmann und Matthias Zimmer). Dass irgendwann irgendwie „die Lichter ausgehen“ (Kapelle Petra), mag sein. Die Big History unseres Universums führt wohl dahin. Doch unsere Aufgabe ist, bis dahin zu tun, was uns möglich ist, um eine stabile globale Gesellschaft zu gestalten, die auf einer nachhaltigen Beziehung zur Biosphäre beruht. Noch einmal David Christian:
„Wenn uns der Übergang zu einer nachhaltigeren Welt gelingt, wird deutlich werden, dass die menschliche Geschichte in Wahrheit einer einzigen Schwelle von zunehmender Komplexität gleicht, die ihren Höhepunkt in dem bewussten Umgang mit der ganzen Biosphäre findet.“ (Christian 337)
Also: Machen wir das Beste draus!
Zum Weiterlesen
Günter Altner (Hrsg.), Ökologische Theologie. Perspektiven zur Orientierung. Stuttgart 1989.
Rutger Bregman, Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen. Hamburg 2019.
Rutger Bregman, Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Hamburg 2020.
Rutger Bregman, Moralische Ambition. Wie man aufhört, sein Talent zu vergeuden, und etwas schafft, das wirklich zählt. Hamburg 2024.
David Christian, Big History. Die Geschichte der Welt – vom Urknall bis zur Zukunft der Menschheit. München 2018.
Heino Falcke (mit Jörg Römer), Zwischen Urknall und Apokalypse. Die große Geschichte unseres Planeten. Stuttgart 2025.
Peter Frankopan, Zwischen Erde und Himmel. Klima – Eine Menschheitsgeschichte. Berlin 2023.
Papst Franziskus, Die Enzyklika „Laudato si‘“. Über die Sorge für das gemeinsame Haus. Freiburg im Breisgau 2015.
Christian Grataloup, Die Geschichte der Welt. Ein Atlas. München 2022.
Daniel R. Headrick, Macht euch die Erde untertan. Die Umweltgeschichte des Anthropozäns. Darmstadt 2021.
Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit. München 2013.
Christine Hentschel / Ulrich Bröckling, Dossier: Apokalyptik der Gegenwart (https://www.soziopolis.de/dossier/apokalyptik-der-gegenwart.html).
Harald Lesch / Klaus Kamphausen, Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. München/Grünwald 2017.
Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre. München 1985.
Carel van Schaik / Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit. Was die Bibel über unsere Evolution verrät. Hamburg 2016.
Fred Spier, Big History and the Future of Humanity. Chichester, West Sussex 2015.
Gaia Vince, Am achten Tag. Eine Reise in das Zeitalter des Menschen. Darmstadt 2016.
Matthias Zimmer, Nachhaltigkeit! Für eine Politik aus christlicher Grundüberzeugung. Freiburg im Breisgau 2015.
Agenda 2030: https://unric.org/de/17ziele/
Pariser Klimaschutzabkommen: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/klimaabkommen-von-paris-14602
Fußnoten
* Als „Entropie“ bezeichnet man das Bestreben des Universums, in Übereinstimmung mit dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik** einen unstrukturierteren Zustand anzunehmen.
** Die „Theromodynamik“ ist ein Teilgebiet der Physik, das sich damit beschäftigt, wie Energie fließt und ihre Form verändert. Der Erste Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass die Gesamtmenge der Energie im Universum unveränderlich ist oder „erhalten“ bleibt; der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, dass Energie bestrebt ist, zunehmend zufällige oder chaotische Formen anzunehmen, daher tendiert das Universum langfristig zu Zufälligkeit oder wachsender Entropie (s. o.*).
Volkmar Hamp
Volkmar Hamp ist Referent für Redaktionelles im Gemeindejugendwerk des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.