Ein Praxisbeispiel aus Stralsund und Grimmen
Kindern auf Augenhöhe begegnen
Autorin: Marion Dienst
Die Jahresgemeindestunde ist geschafft!
Marit und ich hatten ein kurzes Update zum Stand der Dinge in Sachen Kinderparlament beigetragen: die Auswertung einer Umfrage, die Marlen Lichti, Umweltpsychologin, aufgestellt und in beiden Teilgemeinden Stralsund und Grimmen durchgeführt hatte (s.u.). Es folgte die kurze Nennung der Namen von Menschen, die mit im Team sind: zwei junge Frauen, noch relativ frisch in der Stralsunder Teilgemeinde, die bereit sind, als Begleitpersonen die Initiative zu unterstützen. Und die verwegene Aussage: „Jetzt geht es los!“
Ein Seminartag zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation“
Frisch sind die Eindrücke eines Seminartages zum Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ Wir hatten Stefanie und Henrik Diekmann nach Stralsund eingeladen. Das breite Interesse aus unseren beiden Teilgemeinden hatte uns selber überrascht: 30 Personen alleine aus unseren Reihen. Dieses Seminar, so hatten wir es uns vorgenommen, sollte uns sensibilisieren und unseren Handwerkskoffer für einen Start der Kinderparlamente in Stralsund und Grimmen mit ersten Tools ausrüsten.
Und Ja: Es war absolut richtig, so vorzugehen! Alles, was vorgestellt wurde, scheint wirklich wesentlich. Und nein: Das Wissen allein macht nicht die Tools! Wertvoll ist auf jeden Fall ein gemeinsamer Einblick in die Frage, welche Kriterien an gelingende Kommunikation angelegt werden können.
Der Stand der Dinge
Bisher war es gut gelaufen. Ich nehme in Stralsund Offenheit und eine gewisse Erwartungshaltung wahr. Wir waren breit im Gespräch: In den Gemeindeleitungsteams der Gemeinden Stralsund und Grimmen, in Gemeindestunden und Gottesdiensten warben wir zunächst für die Sache, dann für eine Informationsveranstaltung im Januar, ganz aktuell für das Seminar mit den beiden Diekmanns. Zusätzlich die Umfrage (Download), die dem Thema eine gewisse Sichtbarkeit in der Gemeindebreite verschaffen konnte. Später soll sie dazu dienen, zu reflektieren, was sich zwischenzeitlich durch die Beteiligung von unseren Kindern verändert hat - sowohl praktisch als auch in unseren Köpfen.
Als die Idee aufkam, Pilotprojekte zum Thema „Kinderparlamente“ in den Gemeinden unseres Bundes auf den Weg zu bringen, war es nur ein kurzer Schritt, an Stralsund und Grimmen zu denken. Von der Gemeindeleitung Stralsund kam sehr umgehend grünes Licht. Marit Scheitor war direkt gewonnen. Sie ist Gemeindemitglied in der Teilgemeinde Grimmen, Erzieherin und ausgebildete Gemeindepädagogin mit Anstellung in der Diakonie. Ein erstes Zusammensetzen im August – und eine erste Strategie zum Vorgehen war entwickelt: Wir wollten einladen und unter verschiedenen Überschriften zum Thema „Haltung gegenüber Kindern und Jugendlichen“ sensiblisieren. Sehr wichtig war uns: Nicht ohne unsere Gemeinden! Um einer gelingenden Beteiligung von Kindern und Jugendlichen zuzuarbeiten, wollten wir uns für gute Bedingungen engagieren.
Das „Kinderevangelium“ ist wirklich beeindruckend. Es wird deutlich, wie wichtig Jesus Kinder findet, wie er sie wertschätzt und welch hohen Wert er ihnen zumisst. Kinder sind jetzt schon „Gottesreich-Besitzer“. Ohne Zutun. Unabhängig von Herkunft und Religion. Wer die Eltern dieser Kinder sind, die da gebracht werden, spielt im Markusevangelium überhaupt keine Rolle! Ihnen ist das Reich Gottes jetzt schon geschenkt, daran hat Jesus keinen Zweifel.
Kinder sind eine riesengroße Bereicherung. Und sie haben eine Gabe, ganz da, ganz im Moment zu sein, was Abermillionen Erwachsene versuchen, durch Achtsamkeitsübungen, Gebet, Meditation, Stilleübungen, Hobbys, Musik und Sport auch hin und wieder mal wieder zu erlangen. Es lohnt sich, gegenwärtig zu sein, weil Gott gegenwärtig ist, durfte ich von einer Kollegin lernen. Kinder können das. Ich lerne von diesen wunderbaren Gottesreich-Besitzern.
Während zu Jesu Zeiten die Jungen ersehnter waren als die Mädchen, weil sie als „Rentenversicherung“ und Schutz für den Familienverband dienten, könnte Jesus alle Kinder nicht höher achten. Das sieht man daran: Als die Kinder gehindert werden, zu ihm zu kommen, wird er richtig zornig. Er ist entsetzt. Richtig empört. Das ist für ihn keine Randnotiz. Laut Siegfried Zimmer wird hier in Markus 10,13-16 die heftigste Vokabel der Gefühlsregung im Neuen Testament und die zärtlichste von Jesus verwendet. Lasst die Kinder zu mir kommen. Wenn sie jemand daran hindert, ist Jesus ganz klar. Mich nimmt dies sehr für Jesus ein. Wenn Kinder schlecht behandelt werden, ist das richtig ernst!
Jesus nimmt die Kinder in die Arme. Er legt ihnen die Hände auf und segnet sie. Ganz wichtig: Er lässt sie kommen. Die Kinder kommen von sich aus! Nichts Übergriffiges. Die Kinder machen eine sinnliche Erfahrung. Segen ist Zuwendung Gottes. Gesegnet zu werden stärkt. Im Segen spricht Gott sich ihnen zu.
Wie gestaltet man eine Informationsveranstaltung?
Sehr sinnvoll war der Einstieg mit Fragen zu unserer eigenen Beteiligungsbiografie. Zum Beispiel: Wie hast du als Kind Konflikte gelöst?
Und tatsächlich: Konflikte zu bearbeiten ist scheinbar nicht unbedingt eine Stärke, die wir im Laufe unserer Biografien intensiv entwickelt haben …
Auch war es gut, an die Arbeit von Janusz Korczack zu erinnern - einfach, weil dieser Pädagoge uns beide gepackt hatte und es für uns leicht war, von seinen Ansätzen auszugehen. Gesammelt wurden Bedenken, jeweils auf separate Moderationskarten geschrieben. Das Clustern und gemeinsame Nachdenken löste die eine, fast überraschte Äußerung aus, die für mich dieses erste Treffen überstrahlt: „Was das mit uns allen machen könnte!“
Teilgenommen hatten an diesem Termin im Januar außer Marit und mir noch weitere neun Personen aus unseren Teilgemeinden Stralsund und Grimmen.
„Jetzt geht es los!“
Wenn nicht jetzt, dann vielleicht nicht mehr. Ich weiß immer noch nicht, worauf wir uns genau einlassen. Ein vages Unwohlsein erinnert mich außerdem daran, dass wir bisher mit allen geredet haben - nur nicht mit den Kindern. Was, wenn sie gar nicht wollen? Wenn es uns nicht gelingt, mit ihnen ins Gespräch zu kommen?
Der Schritt scheint mir riesengroß! Ich frage Stefanie Diekmann: Wie kann es in unserem Fall starten? Als Gemeinde mit weitem Einzugsgebiet? In Stralsund mit einer kleinen Zielgruppe von etwa 9 Kindern, von denen 2 die 6 Jahre noch nicht erreicht haben, und 3 Kindern, die im Sommer 13 werden?
Die Empfehlung: „Nennt es doch erst einmal „Denk-Oase“. Fangt klein an: während des Gemeindecafés oder im Rahmen des Kindergottesdienstes. Ladet ein und spendiert dazu vielleicht ein Eis. Nur kurze Einheiten! Und keine Angst: Auch wenn von den Kindern noch nichts kommt, ist keine Sitzung umsonst. Wichtig und wirksam ist die Wahrnehmung der Kinder: Da sind Erwachsene, die wollen wirklich wissen, was wir denken.“ Für den speziellen Fall empfiehlt sie, nach einem kurzen gemeinsamen Einstieg eine erste Frage in zwei nach Alter getrennten Gruppen zu bedenken. Die Frage könnte lauten:
- „Fühlt ihr euch wohl im Gemeindehaus?“
- „Wo gefällt es euch, welchen Ort mögt ihr hier nicht?“
Mir hilft das. Der Druck wird weniger: Ja, Methoden scheinen vielversprechend und können die einzelnen Phasen eines Prozesses sicher sehr fördern. Aber da sehe ich uns noch nicht. Wir werden uns die eine oder andere Methode nach und nach erschließen. Irgendwann landen sie dann hoffentlich im Koffer der Herangehensweisen für die Bearbeitung eines Themas. Das wäre dann für uns alle gut.
Marit ist übrigens schon auf dem Weg! Sie schreibt mir gerade: „Ich habe bei den Entdeckerkids - unser besonderes Format für Kinder im Jungscharalter - am Samstag die Fragen gestellt: „Was war heute dein Highlight? Was war schwierig? Was würdest du ändern?“ Marits Resümee: „Das lief sehr gut. Die Kinder äußerten einige Ideen und Wünsche. Auch das, was sie schwierig fanden - z.B. was die Regeln für das Versteckspiel betraf.“ Ob da schon eine kleine Pflanze wächst?
Unser Team im GJW hatte bereits vorgelegt: Im Sommerlager war das Thema „Beteiligung“ methodisch breit angegangen worden. Unter anderem waren die Kinder mit einbezogen worden in die Gestaltung der Regeln ihrer besonderen Lieblingsspiele. Die Idee mit den Spielregeln für Lieblingsspiele hatte mir gut gefallen. Wir hatten uns kurz vorher darüber ausgetauscht. So einfach! Und Marit lacht: „Ich sag ja: In erster Linie ist es eine Frage der Haltung.“
Download
Download: Befragung zu Beteiligung von Kindern in der Gemeinde Grimmen/Stralsund
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