Standards zur "Sicheren Gemeinde"

Die Delegierten der Landes-GJWs haben sich auf der GJW-Bundeskonferenz am 12.11.2017 für einheitliche Mindeststandards zum Kinderschutz für alle GJW-Maßnahmen ausgesprochen. „Die Standards regeln die gemeinsame Haltung im GJW und sind ein deutliches Signal für den Schutz von Kindern, Jugendlichen und auch Mitarbeitenden“, berichtet Udo Rehmann, Leiter des GJWs: „Wir sind ein GJW und werden auch als eines wahrgenommen. Deshalb sind einheitliche Standards deutschlandweit auch in Fragen des Kinderschutzes unerlässlich.“

Bereits seit mehreren Jahren besteht im GJW die Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“. Ihr Ziel ist es, Kinder und Jugendliche vor Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung zu schützen, Mitarbeitende für das Thema zu sensibilisieren und Strukturen abzuschaffen, die Missbrauch begünstigen. „Mit der Zeit konnten viele Erfahrungen gesammelt werden. Auf die Fragen, was sich bewährt hat, was umsetzbar ist und was Kindern und Jugendlichen größtmöglichen Schutz bietet, wurden Antworten gefunden und in gemeinsamen Standards formuliert“, erklärt Bastian Erdmann. Er leitet den Fachkreis „Sichere Gemeinde“, der die Bundeskonferenz bei der Entwicklung der Standards begleitete.

Die Bundeskonferenz hat die Standards mit sofortiger Wirkung für alle bundesweiten Maßnahmen verabschiedet. Darunter fällt z.B. das BUJU im kommenden Sommer. Die Vorstände der zwölf Landesgeschäftsstellen sind nun aufgefordert, die Standards innerhalb eines Jahres für ihr GJW als verbindlich zu erklären und für deren Umsetzung zu sorgen.

Kern der gemeinsamen Standards ist der Kodex für Mitarbeitende. Er gilt für alle, die mitarbeiten und drückt in sechs Punkten die gemeinsame Haltung aus. Zudem definieren die Standards, welche Schulungen man benötigt, um mitarbeiten zu können. Die Schulungsinhalte selbst sind ebenfalls definiert.

Die gemeinsam formulierten Standards sind Mindeststandards. „Der  Anspruch und Ansporn von jedem muss sein, sich über diese Standards hinaus für Kinder- und Jugendschutz auf allen Ebenen stark zu machen“, bekräftigt Udo Rehmann.

Standards für Schulungen

Es bestehen die drei Schulungskategorien Sensibilisierung, Grundlagenschulung und Aufbauschulung. Im folgenden werden sie erläutert.

Sensibilisierung

1. Begriff 
Sensibilisierungen dienen zur Einführung in Haltung und Anliegen der Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“. Sie sind in der Regel maßnahmenbezogen. 

2. Ziele
Ziel einer Sensibilisierung ist es, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Sie macht mit unserem Kodex bekannt und hilft, die Haltung hinter den einzelnen Regeln zu erkennen. Durch Information wird eine gemeinsame Grundlage für unsere Kommunikation und für Abläufe geschaffen. 

3. Umfang und Inhalt
Eine Sensibilisierung verschafft den Einblick in grundlegende Themen. Sie kann mit Gruppen oder 1:1 durchgeführt werden. Sie dauert etwa 90 Minuten, kann aber auch ausführlicher ausfallen. In mehreren Einheiten wird den Mitarbeitenden vermittelt, warum wir über das Thema „Sichere Gemeinde“ reden. Sie sollen wahrnehmen, dass es verschiedene Formen der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gibt und die Empfindung der persönlichen Grenzen individuell geprägt ist. Der Kodex für Mitarbeitende des GJWs soll praktisch reflektiert werden. Über Kommunikationswege sowie Ansprechpartner und Hilfen wird informiert. 

Folgender Inhalt ist in einer Sensibilisierung Standard:

Einführung: Unsere Veranstaltungen sind von einer großen Offenheit, vom Vertrauen zueinander und von Herzlichkeit geprägt. Das genießen und fördern wir. Deshalb sollen alle Mitarbeitenden befähigt werden, dieses Miteinander zu schützen und zu fördern.

Formen der Gewalt: Gewalt findet auf unterschiedliche Art und Weise statt. Ihre Formen werden angesprochen und kurz erläutert.

Grenzen: Die Mitarbeitenden nehmen wahr, dass Grenzen unterschiedlich sind.

Kodex: Der Kodex für Mitarbeitende des GJWs wird am Beispiel der konkreten Maßnahme reflektiert. Die Gruppe verständigt sich auf die konkrete praktische Umsetzung.

Kommunikationswege: Über Hilfen und Ansprechpersonen wird informiert. Die Mitarbeitenden wissen, wie sie mit Beschwerden, Fragen und Unsicherheiten umgehen. 

4. Material
Grundlage einer Sensibilisierung ist der Kodex für Mitarbeitende des GJWs mit seinen Regeln. Zur Durchführung stellt der Fachkreis Musterabläufe zur Verfügung. Individuelle Abläufe müssen die vorstehend angeführten Themen und Ziele abdecken.

Grundlagenschulung

1. Begriff
Grundlagenschulungen bieten einen Einblick in Themenbereiche des Kinderschutzes. Sie erläutern die Anliegen der Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“. Sie verleihen Mitarbeitenden Handlungssicherheit für ihre Aufgaben und vermitteln den Umgang mit grundlegenden Strukturen zur Sicherheit für Teilnehmende und Mitarbeitende.

2. Zielgruppe
Grundlagenschulungen richten sich in erster Linie an Mitarbeitende im Bereich der Kinder- und Jugendarbeit sowie an Verantwortungsträger*innen in Gemeinden und bei Maßnahmen. Da die Kampagne Strukturen und Haltungen verändern möchte, betrifft das Thema alle Personen in den Gemeinden und im GJW. Grundlagenschulungen vermitteln allen einen sicheren Umgang mit der Kampagne und den Regeln des Kodex für Mitarbeitende des GJWs.

3. Ziele
Ziel einer Grundlagenschulung ist es, neben dem Bewusstsein für das Thema Gewalt auch eine Sprachfähigkeit zu vermitteln. Geschulte Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ihre Arbeit an den Maßstäben der Kampagne zu überprüfen und ggf. anzupassen. Grundlegendes Wissen wird vermittelt und die Selbstreflexion gefördert. Die Haltung, die hinter der Kampagne und den Regeln steht, wird in der Grundlagenschulung entfaltet und eingeübt. 

4. Umfang und Inhalt
Eine Grundlagenschulung vermittelt grundlegendes Wissen in den Bereichen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche im Allgemeinen und speziell im Bereich der sexualisierten Gewalt sowie den Themen Grenzen und Kommunikation. Geschulte Mitarbeitende kennen ihre eigene Verantwortung, aber auch deren Grenzen im Bereich der Intervention. 

Eine Grundlagenschulung umfasst mindestens 6 Einheiten von 45 Minuten. Die Ausgestaltung liegt in der Verantwortung der Referentin oder des Referenten. Die folgenden Themen müssen jedoch behandelt werden: 

Einführung: Unsere Veranstaltungen sind von einer großen Offenheit, vom Vertrauen zueinander und von Herzlichkeit geprägt. Das genießen und fördern wir. Deshalb sollen alle Mitarbeitenden befähigt werden, dieses Miteinander zu schützen und zu fördern.
Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung sind Themen in der Gesellschaft und auch in unseren Gemeinden. Zum einen können wir Gewalt, Missbrauch und Vernachlässigung unter uns nie ganz ausschließen, zum anderen stehen wir in Kontakt mit Personen, die eben das erleben. Deshalb stellen wir uns diesen Themen proaktiv.

Formen der Gewalt: Gewalt findet auf unterschiedliche Art und Weise statt. Ihre Formen werden angesprochen. Die Mitarbeitenden lernen Gewalt differenziert wahrzunehmen, Strukturen zu erkennen, die Gewalt begünstigen und die Folgen von Gewalt zu benennen. 

Sexualisierte Gewalt, Täterstrategien und unsere Strukturen: Die Mitarbeitenden lernen die Mythen, Irrtümer und Fehleinschätzungen um das Thema sexualisierte Gewalt kennen. Sie wissen, welche Rahmenbedingungen Täter suchen oder schaffen, um sich Kindern sexuell zu nähern. Auch wenn einzelne dieser Verhaltensweisen für sich genommen harmlos sind, sollen sie aus gutem Grund generell vermieden werden. Denn das dient einem weitreichenden Schutz vor Missbrauch einerseits und schützt Mitarbeitende vor unberechtigten Verdächtigungen anderseits.
Wir suchen ein Klima, das nicht zu Verdächtigungen, wohl aber zu einer kritischen Selbstreflexion der eigenen Strukturen einlädt. Der familiäre Raum wird wertgeschätzt als unverzichtbarer Entwicklungsraum für Kinder. Für die Gefahren, die familiäre Strukturen mit sich bringen, wird sensibilisiert. 

Grenzen: Die Mitarbeitenden erleben, dass Grenzen unterschiedlich sind. Sie lernen, die eigenen und die Grenzen Anderer wahrzunehmen, das individuelle Grenzempfinden zu stärken und persönliche Grenzen zu schützen. Sie üben das Gespräch über Grenzen, weil Sprachfähigkeit ein Schlüssel ist, um Kinder und Jugendliche zu stärken.

Verdachtsfälle und Kommunikationswege: Ein Verdachtsfall ist immer komplex. Die Mitarbeitenden lernen, sich der eigenen Verunsicherung zu stellen. Ziel ist es, ruhige und bewusste Schritte in die Wege zu leiten und die Verantwortung für alle Beteiligten, also neben dem vermuteten Opfer auch für Beschuldigte, Angehörige und insbesondere für sich selbst wahrzunehmen. Sinnvolle Vorgehensweisen werden vorgestellt und auf konkrete regionale Anlaufstellen sowie die Vertrauenspersonen der Landes-GJWs hingewiesen.

Kodex: Der Kodex für Mitarbeitende des GJWs wird reflektiert. Die Haltung hinter den Regeln wird verdeutlicht. Die Anwendung auf konkrete Situationen wird geübt.

Reflexion der eigenen Arbeit: Um sich in der eigenen Arbeit die Anliegen der Kampagne zu eigen zu machen und eine eigene Haltung zum Thema zu gewinnen, ist die Betrachtung und Bewertung der eigenen Arbeit grundlegend.

5. Material
Der Fachkreis stellt Vorlagen zur Verfügung. Eigenes Material und eigene Kursgestaltung müssen den geforderten Inhalt abdecken. 

6. Referent*innen und Zertifizierung
Die Referent*innen haben mindestens eine Grundlagenschulung des GJWs oder eine vergleichbare Fortbildung besucht. Sie teilen die Haltungen hinter der Kampagne. Sie sind dem Fachkreis bekannt, mit ihm vernetzt und werden als Referent*innen geführt. Sie erhalten Zugang zu den entsprechenden Schulungsvorlagen des GJWs. 

Die Kursteilnehmenden erhalten ein Zertifikat von der GJW-Bundesgeschäftsstelle. Dazu geben die Referent*innen die entsprechenden Daten an die GJW-Bundesgeschäftsstelle weiter.

Aufbauschulungen

Die Aufbauschulungen vertiefen einzelne Themen. Art und Umfang können unterschiedlich sein.

Standards für die Mitarbeit im GJW

Jede Maßnahme im GJW ist den Zielen der Kampagne „Auf dem Weg zur sicheren Gemeinde“ verpflichtet. Die hier formulierten Standards sind Mindeststandards. Der Anspruch und Ansporn eines Jeden und jeden GJWs muss sein, sich über diese Standards hinaus für Kinder- und Jugendschutz auf allen Ebenen stark zu machen. Die Standards gelten immer, wenn ein GJW der Veranstalter ist. Deshalb stellt das entsprechende GJW sicher, dass die Standards eingehalten werden.

Der Fachkreis „Sichere Gemeinde“ bewertet das Gefährdungspotential nach Art, Dauer und Intensität des Kontakts zu Schutzbefohlenen.

Unsere Maßnahmen unterscheiden wir in:

  • mehrtägige Maßnahmen
  • wiederholte, mehrmals im Jahr stattfindende eintägige Maßnahmen
  • einmalige, eintägige Maßnahmen
  • offene Arbeit, Arbeitskreise, Arbeit vor Ort mit Gemeinden

Bei unseren Mitarbeitenden unterscheiden wir in:

  • leitende Mitarbeitende und Mitarbeitende in besonderer Verantwortung
  • wiederholt, regelmäßig, namentlich bekannte Mitarbeitende
  • spontan Mitarbeitende

Grundlage aller Maßnahmen ist der Kodex für Mitarbeitende des GJWs in seiner jeweils aktuellen Fassung. Insbesondere bei Maßnahmen, bei denen minderjährige Personen anwesend sind, stellt das veranstaltende GJW sicher, dass alle Mitarbeitenden den Kodex kennen, ihn auf die jeweilige Maßnahme anwenden können und ihn unterschreiben.

Leitende Mitarbeitende und Mitarbeitende in besonderer Verantwortung haben eine Grundlagenschulung absolviert, die von der GJW-Bundesgeschäftsstelle zertifiziert ist und reichen  das erweiterte Führungszeugnis ein, welches alle fünf Jahre erneut eingereicht werden muss. Ausnahmen können nur bei einmaligen eintägigen Maßnahmen gemacht werden. Hier ist mindestens eine Sensibilisierung erforderlich.

Wiederholt, regelmäßig, namentlich bekannte Mitarbeitende sind bei allen Maßnahmen mindestens sensibilisiert. Sie reichen das erweiterte Führungszeugnis ein, welches alle fünf Jahre erneut eingereicht werden muss. Ausnahmen können nur bei einmaligen eintägigen Maßnahmen gemacht werden.

Spontane Mitarbeit ist im GJW willkommen. Bei mehrtägigen Maßnahmen sind mindestens eine Sensibilisierung sowie das Einreichen des erweiterten Führungszeugnisses notwendig. Kann das erweiterte Führungszeugnis nicht mehr vor der Maßnahme eingereicht werden, wird vom Veranstalter in diesem Fall als Ausnahme eine „Verpflichtungserklärung für spontanes Ehrenamt“ eingeholt. Diese ersetzt nicht das Führungszeugnis - es muss fristgerecht nachgereicht werden. Gleichzeitig wird dem oder der spontan Mitarbeitenden deutlich gemacht, warum das Nachreichen des erweiterten Führungszeugnisses für uns wichtig ist.

Im Auftrag des GJWs sind Mitarbeitende auch in offener Arbeit, in Arbeitskreisen und in Gemeinden vor Ort aktiv. In Arbeitskreisen ist das Machtgefälle eher gering, gleichwohl können auch hier Minderjährige anwesend sein, die besonderen Schutz benötigen. Zudem sind Arbeitskreise auf Dauer angelegt. Wer wiederholt in Arbeitskreisen aktiv ist, muss deshalb mindestens sensibilisiert sein und reicht das erweiterte Führungszeugnis ein. Es muss alle fünf Jahre erneut eingereicht werden. Sind Mitarbeitende im Auftrag des GJWs beratend, schulend, begleitend in Gemeinden aktiv, gilt das Gleiche.

Die folgende Tabelle gibt einen graphischen Überblick: