Mythen zum Thema Gewalt gegen Kinder und Jugendliche

Einige Auffassungen über Gewalt gegen Kinder und Jugendliche halten sich hartnäckig, stimmen aber einfach nicht. Solche "Mythen" finden ihren Ausdruck in Sätzen wie:

  • Der Täter ist der Fremde.
  • Täter sind erkennbar.
  • Gewalt hinterlässt sichtbare Spuren.
  • Opfer haben Mitschuld.
  • In Deutschland muss kein Kind hungern.
  • Ein Klaps hat noch niemandem geschadet.
  • Wer glaubt, hat es leichter. 

Demgegenüber stellen wir fest:

  • Täter sind fast immer Menschen aus dem engeren Umfeld des Kindes.
  • Täter sind meist "ganz normale" heterosexuelle Männer.
  • Täter sind nicht leicht zu erkennen, denn sie wissen sich und ihre Taten zu tarnen.
  • Gewalt hinterlässt nicht immer sichtbare Spuren.
  • Opfer haben nicht Mitschuld! Die Schuld liegt allein beim Täter.
  • "In Deutschland ist jedes fünfte Kind arm." Das sagt der Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschafts-forschung. "Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut betroffen." Das sagt der Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland von Unicef aus Mai 2008. In Städten wie Bremen oder Berlin bezieht jedes 5. bzw.  jedes 3. Kind Sozialgeld. (Vgl. ZEFIR-Datenpool)
  • Jegliche Schläge gegen Kinder sind verboten (BGB  § 1631 Abs. 2). Betroffene Kinder sind unsicherer und ängstlicher und werden leichter zu Tätern und Täterinnen.
  • Wer glaubt, hat es nicht leichter! Glaube schützt nicht vor Gewalt und ihren Folgen. Trotz Gewalterfahrungen glauben zu können, ist eine Herausforderung und ein Geschenk.

Die Formen der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche sind vielfältig:

Vernachlässigung

Kinder haben ein Recht auf ausreichende Versorgung in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Bildung. Auch das steht in der UN-Kinderrechtskonvention.

Vernachlässigung bedeutet, dass Kindern die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse vorenthalten wird. Das kann sich auf körperliche Bedürfnisse beziehen, wie Nahrung, Kleidung und/oder medizinische Versorgung, oder auf emotionale Bedürfnisse, wie soziale Kontakte, Bildung, Schutz vor Gefahren, Fürsorge und Beziehungen. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa fünf bis zehn Prozent aller Kinder, davon 250.000 - 500.000 der unter Siebenjährigen, von Vernachlässigung betroffen, 50.000 von ihnen "in erheblichem Maße". Die Ursachen sind vielfältig: Überforderung der Eltern, Armut, Mangel an erzieherischer Kompetenz - aber auch die fehlende Unterstützung durch das soziale Umfeld spielen eine wichtige Rolle. Es bedarf dringend der gemeinsamen Bemühungen und der Vernetzung vieler Institutionen und Einrichtungen, um Kinder vor Vernachlässigung zu schützen.

Sichere Gemeinden können Teil eines solchen Netzwerkes sein!

Körperliche Gewalt

Kinder zu schlagen, ist in Deutschland verboten. Im Bürgerlichen Gesetzbuch §1626 (2) steht: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

Dennoch sind der "Klaps auf den Po" oder die "Ohrfeige" gegenüber den eigenen Sprösslingen noch immer keine Seltenheit. Und auch manchem Jungscharmitarbeiter, mancher Kindergottesdienstmitarbeiterin "rutscht schon mal die Hand aus". Dabei sind selbst "leichte Klapse" oder das Schütteln von Kindern Grenzüberschreitungen und eine Form der Misshandlung!

Die Dunkelziffer bei körperlicher Gewalt, die vor allem im engsten Familienkreis vorkommt, ist hoch. Schätzungen zufolge werden lediglich fünf bis zehn Prozent aller Kindesmisshandlungen angezeigt! Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Oft bekommen nur Familienmitglieder die Vorfälle mit und wagen es nicht, die eigene Verwandtschaft anzuzeigen.

In "frommen" Kreisen wird dies unter Umständen sogar noch biblisch begründet, zum Beispiel mit dem Hinweis auf Sprüche 13,24a: "Wer den Stock schont, hasst seinen Sohn; wer seinen Sohn liebt, erzieht ihn beizeiten." Doch Kinder, die geschlagen werden, können dieses Handeln ihrer Eltern nicht verstehen. Die Gefahr ist groß, dass sie selbst zu Tätern und Täterinnen werden und ihre Wut oder Hilflosigkeit gewalttätig an anderen Kindern oder später an Gleichaltrigen sowie ihren eigenen Kindern auslassen.

Psychische Gewalt

Formen psychischer (emotionaler / seelischer) Gewalt sind schwieriger zu erkennen und zu beschreiben als körperliche Misshandlungen. Vielfältige Formen aktiver und passiver Beschämung gehören hierher:

Handlungen wie Niederbrüllen, absichtliche Erniedrigung und Demütigung, ständige Zurückweisung, Liebesentzug, Ausgrenzung oder Bedrohung spielen ebenso eine Rolle wie Unterlassungen, zum Beispiel andauernder Mangel an Zuneigung und Beachtung, nicht wahrgenommen, nicht "angesehen" werden (im doppelten Sinne des Wortes).

Sexuelle Gewalt

Bei sexueller Gewalt gegenüber Kindern und Jugendlichen geht es nicht in erster Linie um Sexualität, sondern um die Ausübung von Macht. Das Sexuelle wird Mittel zum Zweck. Der Täter will seine Überlegenheit über das Opfer erleben und demonstrieren.

Für diese Form der Gewalt wird häufig der Ausdruck "sexueller Missbrauch" verwendet. Das ist nicht unproblematisch, da dieser Begriff suggeriert, es gäbe auch einen "legitimen Gebrauch" von Kindern oder kindlicher Sexualität. Darum sprechen wir hier von sexueller oder sexualisierter Gewalt.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) von 2007 hält fest:

  • Jährlich werden bis zu 15.000 Fälle angezeigt.
  • Die Dunkelziffer liegt bei 300.000 bis 400.000 Taten im Jahr. 
  • Etwa jedes 4. Mädchen und jeder 7. Junge macht sexuelle Gewalterfahrungen.
  • 90% der Missbrauchsfälle finden vor dem 12. Lebensjahr statt.
  • Opfer bekommen im Schnitt erst bei der 7. Person Hilfe. 
  • In ca. 70% der Fälle ist der Täter den Kindern bekannt.
  • in 90% der Fälle sind die Täter männlich.

Sexuelle Gewalt ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind vorgenommen wird. Das geschieht entweder gegen den Willen des Kindes, oder das Kind kann aufgrund seiner körperlichen, intellektuellen und emotionalen Entwicklung und Unterlegenheit nicht frei und informiert zustimmen.

Formen sexueller Gewalt können sein:

  • Sexuelle Belästigung
  • nicht legitime Zärtlichkeiten
  • unsittliche Berührung des Kindes oder Jugendlichen
  • die Aufforderung an das Kind bzw. den Jugendlichen, Dritte unsittlich zu berühren
  • eine unangemessen sexualisierte Sprache gegenüber Kindern und Jugendlichen
  • Kinder und Jugendliche pornographischen Bildern, Schriften, Fantasien auszusetzen
  • sie zum Erstellen pornographischer Bilder und Filme zu missbrauchen
  • (bei sexueller Gewalt muss es nicht zur Berührung kommen!)

 Der Täter richtet zu seinem Schutz ein Tabu auf, in dem er das Kind / den Jugendlichen zur Geheimhaltung verpflichtet. Auf sehr perfide Weise wird dem Kind gedroht, nichts zu sagen über das, was da gerade war: "Du willst doch nicht, dass mir etwas passiert! Du willst doch nicht, dass ich ins Gefängnis komme, deine Mutter krank wird oder dass du ins Heim kommst ..."  Das Kind/der Jugendliche wird somit zur Sprach-, Wehr- und Hilflosigkeit gezwungen und erzogen. 

Abgrenzung:

Zuwendungen, Zärtlichkeiten gegenüber Kindern werden dann zu sexueller Gewalt, wenn der Täter etwas Sexuelles daraus macht, wenn Kinder zur Anregung oder Befriedigung der eigenen (Macht-)Bedürfnisse und Sexualität benutzt werden. Missbrauch geschieht nicht versehentlich!

Geistliche Gewalt

Die Begrifflichkeiten "geistlicher" bzw. "religiöser" Missbrauch sind noch nicht allzu geläufig. Doch christliche Gruppierungen sind nicht davor gefeit, missbräuchliche Strukturen zu entwickeln.

In der Gemeinde, die der Grundintention Jesu entspricht, sollen Menschen liebevoller, menschlicher, freier werden. Und doch erleben wir, wie Menschen nicht in die Freiheit der Kinder Gottes, sondern in Abhängigkeiten von Menschen geführt werden. Leicht entstehen sektenartige Strukturen.

Religiöser Missbrauch ist verwandt mit anderen Formen von emotionalem Missbrauch. Daher soll dieses Thema auch im Zusammenhang mit den Fragen des Kindes- und Jugendschutzes behandelt werden.

Ähnlich wie bei sexuellem Missbrauch findet religiöser Missbrauch im Kontext enger, vertrauensvoller Beziehungen statt. Dort, wo eigentlich Schutz und Hilfe gewährt werden sollten, wird eine Situation der Abhängigkeit ausgenutzt und "geistliche Autorität" eingesetzt, um die eigene Machtposition auszubauen. Die Folge ist oftmals eine dauerhafte Störung des Gottesbildes und der Gottesbeziehung, selbst wenn der Wunsch danach vorhanden ist.

Der Beauftragte für Weltanschauungs- und Sektenfragen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsens, Harald Lamprecht, nennt in seinem Aufsatz "Geistlicher Missbrauch in radikalen christlichen Gemeinschaften" (Confessio 2/2007) folgende Merkmale des sog. "geistlichen" oder "religiösen" Missbrauchs:

Starke Autoritätsstrukturen

Als problematisch gilt, wenn es deutlich herausgehobene Leitungspersonen oder -kreise gibt, die sich stark über die "normalen" Gemeinde- oder Gruppenmitglieder erhöhen. Das wird z.B. deutlich im Umgang mit Kritik. Während den "Leitungspersonen" Kritik an den "normalen" Gläubigen zugestanden wird, in der Regel in Bezug auf ihren Lebenswandel als Christen, kann die Person selbst zum Problem werden, die Kritik an der Leitung übt. Die persönliche und die Sachebene werden miteinander vermischt.

Zudem bekommen die Leitungspersonen die Deutungshoheit innerhalb der Gruppe, was ihr Verständnis von Gott und der Bibel betrifft. Vom Verhältnis des Einzelnen zur Leitung wird auf das persönliche Verhältnis zu Gott geschlossen. Das hat zur Folge, dass derjenige, der mit der Leitung nicht einverstanden ist, der "Rebellion gegen Gott" bezichtigt wird. Insgesamt nimmt das Thema "Autorität und Unterordnung unter diese Autoritäten" großen Raum in Gemeinschaften ein, die geistlichen Missbrauch begünstigen.

Exklusivität: Abschottung und Elitedenken

In solchen christlichen Systemen entsteht Identität durch eine klare Unterscheidung von "drinnen" und "draußen". Das hat häufig eine Abkehr von alten Freundschaften und jeglichen sozialen oder gesellschaftlichen Aktivitäten außerhalb der eigenen Gruppe zur Folge.

Dahinter steht oftmals das Bedürfnis, die als Bedrohung erlebte komplexe Vielfalt des Lebens auf ein einfaches Schema zu reduzieren und dadurch Sicherheit zu gewinnen. Unterschieden wird in der Folge zwischen denen, die auf dem "Fundament" stehen und den "anderen".

Damit verbunden ist ein klares Schwarz-Weiß-Denken, in dem keine Abstufungen vorhanden sind und folglich alles gleich wichtig wird, also auch jede Abweichung vom geforderten Verhalten große Bedeutung gewinnt.

Dadurch wird das Gefühl der Besonderheit gestärkt. Der eigene Auftrag in der Welt wird überhöht. Die Bindung an die Gruppe wird dadurch verstärkt und die Abgrenzung nach außen sowie die Abwertung aller, die anders leben, gefördert. Typisch für solch isoliert lebende Gruppen ist eine hohe interne soziale Kontrolle, die jedoch auch eine innere Abspaltung zur Folge hat, da die Fassade nach außen wesentlich ist und die wahren Verhältnisse nicht gezeigt werden können.

Strenge Verhaltensnormen und Leistungsfrömmigkeit

Das grundsätzliche Anliegen entsteht aus dem positiven Wunsch, nach dem Willen Gottes für das persönliche Leben zu fragen. Als Christen sehnen wir uns nach persönlicher "Heiligung". Missbraucht wird diese Sehnsucht dort, wo dieses Bestreben einen zwanghaften Charakter gewinnt und die Gnade vergessen wird. Das Leben wird mit allerlei Regeln umzäunt. Gott bekommt die Rolle eines inneren Moralwächters. Und da die äußere Einhaltung von Regeln leichter zu kontrollieren ist als eine innere Haltung, wird der Moralkodex in solchen christlichen Gruppierungen oftmals zum Kennzeichen für "echtes" Christsein. Die Ethik verkommt zu einer Moral, in der es vor allem darum geht, falsches Verhalten zu vermeiden.

Nun kann in einem solchen System zweierlei entstehen. Bei den einen entwickeln sich massive Selbstzweifel, die das eigene Ungenügen vor Gott in den Vordergrund rücken. Bei den anderen entstehen hingegen Illusionen über das eigene Verhältnis zu Gott und große Selbstgerechtigkeit.

Oftmals wird in solchen Gemeinden die Ethik nicht am Menschen orientiert. Der Mensch hat sich den Regeln anzupassen. Doch Menschen mit seelsorglichen Problemen kann so nicht wirklich geholfen werden. Sie werden selbst mit ihrem "ungenügenden" Lebenswandel als Problem dargestellt und sind dann doppelt belastet. Zudem kann ein äußerst belastendes Bild von Gott entstehen, der Unmenschliches von einem fordert. Nicht selten sind Menschen in der Folge zu keinem gesunden Verhältnis zu Gott mehr in der Lage.

Geistlicher Missbrauch hat auf der Seite der Täter viele Ursachen. Die wichtigste ist ein übertriebenes Bedürfnis nach Macht, Anerkennung, Bestätigung und Geltung. An dieser Stelle kann jedoch keine umfassende Ursachenforschung betrieben werden. Es kann lediglich darum gehen, Sensibilität dafür zu entwickeln, wie Machtstrukturen in christlichen Gemeinden missbräuchliche Beziehungen fördern können.

An dieser Stelle liegen auch gemeinsame Ursachen dafür, dass die unterschiedlichen Formen von Missbrauch, wie sie hier beschrieben werden, in christlichen Gruppen ein "günstiges" Umfeld finden. Es geht folglich um Sensibilisierung für das Thema und darum, Opfern in der Seelsorge oder in speziellen Beratungseinrichtungen Hilfe bieten zu können.

Diese Art von Gewalt hat es - wie alle anderen - immer schon gegeben. Sie ist aber erst in den letzten Jahren verstärkt in den Blick genommen worden. Da wir in der gemeindlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hiermit in besonderer Weise konfrontiert sind,  widmen wir diesem Thema auch eigene Kapitel in unseren Materialheften.

Strukturelle Gewalt

Unter struktureller Gewalt versteht man gesellschaftliche Rahmenbedingungen, durch die Kindern und Jugendlichen ein ihren Bedürfnissen gerecht werdendes Aufwachsen verwehrt wird: Armut ist hier als Beispiel zu nennen. Aber auch eine kinderfeindliche Familien-, Arbeitsmarkt-, Umwelt- und Verkehrspolitik kann strukturelle Gewalt erzeugen.

Kinder werden so zu Opfern der Bedingungen, unter denen sie aufwachsen müssen. Ihr Recht auf ausreichende Versorgung wird oft schon dadurch nicht gewahrt.